Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 397 zufällig und zeitweise je einem Beamten dieses Ministeriums an vertraut war, der dieses Amt aus Gefälligkeit und ohne formelle Verantwortung gegenüber seinen Vorgesetzten versehen hat“ n). Damals haben also die Akten des Ministeriums ebensowenig wie heute Auskunft über die Zensur zu geben vermocht. In seiner Antwort vom 12. August — vor jedem dieser Schreiben liegt eine vielwöchige ergebnislose Suche in den Akten — be­dauert der Obersthofmeister, daß weder im Oberhofmeisteramt noch in der Generalintendanz Anhaltspunkte für die Grundsätze der Zensur bei den Hoftheatern gefunden werden konnten. Er schlägt vor, daß einem vom Ministerium bestimmten Zensor alle Stücke von der Generalintendanz zu­gestellt werden sollen, die dieser nach Durchsicht mit seinem Gutachten zurückzustellen habe. Das Gutachten selbst habe nur den Standpunkt des Allerhöchsten Hofes und der Staatspolizei ins Auge zu fassen und sich nicht auf künstlerische Belange zu erstrecken. Liechtenstein ist der An­sicht, „daß den Censor zunächst die Grundsätze der Moral und der Aesthe- tik, sowie die Rücksichten auf die Religion, das Allerhöchste Kaiserhaus und die politischen Verhältnisse zu leiten hätten“ 12). Nun war noch die Person zu bestimmen. Der Leiter des Literarischen Büros, Sektionschef Ludwig von Dóczy, an den man in erster Linie dachte, schied aus, da er selbst als erfolgreicher Bühnenautor tätig war, ihm aber vom Obersthofmeister die Bedingung gestellt wurde, im Falle einer Über­nahme der Zensur auf die Aufführung seiner eigenen Werke am Burg­theater zu verzichten13). Dazu war Dóczy nicht bereit. Deshalb fiel die Wahl auf den Hof- und Ministerialrat Dr. Emil Jettel von Ettenach, von dessen Betrauung das Obersthofmeisteramt am 23. September 1898 ver­ständigt wurde14). Damit war der Mann bestimmt, der von nun an lange Jahre mit dem Burgtheaterdirektor zusammenarbeitete und aus dessen Korrespondenz mit Schlenther konkrete Angaben über die Tätigkeit der Hoftheaterzensur gewonnen werden können. Die Umstände, die den Rücktritt Burckhards und die Berufung Schlen­thers begleiteten, sind in großen Zügen bekannt. Nach dem Juristen und Autodidakten Burckhard, der als Rat zum Verwaltungsgerichtshof abging, wollte man es in Wien einmal mit einem Fachmann versuchen, nachdem Hugo Thimig, das Haupt der gegen Burckhard aufgetretenen Schauspieler, die ihm angebotene Direktion abgelehnt hatte. Anton Bettelheim soll dann auf den Berliner Kritiker und Germanisten Dr. Paul Schlenther hin­gewiesen haben, den Nachfolger Theodors Fontanes an der Vossischen ») Ebenda. 13) HHStA, Administrative Registratur des Ministeriums des Äußeren, F. 4, Personalakt Jettel. is) Note der Generalintendanz an das Literarische Departement, Gen. Int. ZI. 308/VIII vom 31. VIII. 1898. 14) Personalakt Jettel.

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