Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

RUTKOWSKI, Ernst R.: Gustav Graf Kálnoky. Eine biographische Skizze

Gustav Graf Kálnoky 341 telbar berührten, und es gelang ihm unter Entfaltung seines ganzen reifen diplomatischen Könnens, dieselben so zu lösen, daß die Machtstellung der Monarchie dadurch nur gewann. Rückblickend muß hervorgehoben werden, daß Kálnoky während der 13‘/2 Jahre seiner Tätigkeit als Minister des kaiserlichen Hauses und des Äußeren das volle Vertrauen Kaiser Franz Josephs besaß. Dies geht nicht nur aus zahlreichen anerkennenden Äußerungen hervor, die der Kaiser auf den ihm vorgelegten Akten niederschrieb, sondern auch aus den relativ wenigen Briefen, die er an ihn in besonders dringenden oder wichtigen An­gelegenheiten richtete. Als äußere Zeichen der Anerkennung ist die Ver­leihung des Großkreuzes des Stephansordens im Dezember 1883 und des Ordens vom Goldenen Vließ im April 1887 zu nennen. Mit den Jahren er­langte Kálnoky eine Vertrauensstellung bei dem Monarchen, die über sein Ressort hinausreichte, und es ist erwiesen, daß der Kaiser seiner Meinung auch in innenpolitischen Angelegenheiten Beachtung schenkte. Das galt vornehmlich für die Zeit nach dem Rücktritt Taaffes (November 1893) und Tiszas (März 1890). Einen nachhaltigen Einfluß scheint Kálnoky in dieser Weise auf die innenpolitischen Belange jedoch nicht ausgeübt zu haben. Seine verfassungsrechtliche Stellung erlaubte ihm auch kein direktes Eingreifen in die Innenpolitik der österreichischen oder ungarischen Reichshälfte. Über diese Schwäche seiner amtlichen Stellung, die zu beseiti­gen nicht in seiner Macht lag, hatte er sich nie Illusionen gemacht. Sie wirkte sich besonders dann unangenehm aus, wenn es Fragen zu lösen galt, die sowohl Außen- wie Innenpolitik betrafen. In handelspolitischen und in religiösen Angelegenheiten trat diese Pro­blematik besonders deutlich hervor. Die auf diesen Gebieten nötigen Ver­handlungen stellten oft eine Geduldprobe für den Außenminister dar, ganz abgesehen davon, daß seiner Vermittlertätigkeit wenig Anerkennung ge­zollt wurde — beliebt machte sie ihn erst recht nicht. Die meisten Schwie­rigkeiten erwuchsen ihm von Budapest, zumal Kálnoky den Tendenzen nach Verselbständigung des ungarischen Staatswesens und nach Magyarisierung der fremdsprachigen Bevölkerungsteile der Länder der ungarischen Krone absolut ablehnend gegenüberstand und diesen Standpunkt bei Kaiser Franz Joseph immer wieder zur Geltung brachte. Für die Einheit und Geschlossen­heit des Reiches war er stets bereit, sich mit allem Nachdruck einzusetzen, wie ihm ja auch als Außenminister ganz allgemein an einer einigermaßen ausgeglichenen Innenpolitik gelegen sein mußte, da durch turbulente, vom Nationalitätengegensatz oder von allzu liberalen Forderungen gekennzeich­nete Auseinandersetzungen die Geltung Österreich-Ungarns nach außen hin nicht gehoben wurde. Nach dem Rücktritt Tiszas steigerten sich die Gegensätze zwischen Kálnoky und den ungarischen Ministern mehr und mehr, bis schließlich eine sachlich effektlose Stellungnahme des päpstlichen Nuntius Agliardi zur kirchenpolitischen Lage in Ungarn (April 1895) dem Kabinett Bánffy Ge-

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