Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)
PILLICH, Walter. Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1637–1780
548 Literaturberichte keiten und die zu erwartende Gegnerschaft der anderen deutschen Regierungen erhoffte sich Napoleon so eine Schwächung Preußens, das dann einzig auf eine enge Anlehnung an Frankreich angewiesen sein werde. Mit Recht weist Geuss nachdrücklich darauf hin, daß dieses Moment bisher bei der Beurteilung von Bismarcks Haltung im Verfassungskonflikt viel zu wenig beachtet und immer nur sein konservatives Junkertum und seine monarchistische Einstellung als Erklärung herangezogen wurde. Die Kenntnis der französischen Pläne war für Bismarck auch ein gewichtiges Argument dafür, die Vergrößerung Preußens nicht mit Hilfe der nationalen und liberalen Kräfte auf revolutionärem Wege anzubahnen, sondern sich rein diplomatisch-kabinettspolitischer Mittel zu bedienen. Erst wenn keine Gefahr einer Abhängigkeit von Frankreich mehr gegeben sei, könne man mit nationalen und liberalen Ideen operieren. An den Abschluß eines festen Bündnisses mit Frankreich hat Bismarck unter diesen Umständen wohl nie ernstlich gedacht. In sehr sorgfältiger Abwägung und Analyse der verschiedenen Quellen kommt Geuss bereits im ersten Abschnitt zu wichtigen Ergebnissen, die er abschließend der bisherigen Literatur gegenüberstellt. Der zweite Teil behandelt die Auswirkungen der Pläne Napoleons auf Bismarcks Politik bis 1866. Scharfsinnig und oft geradezu spannend führt uns Geuss das vielfältige und komplizierte diplomatische Spiel rund um den polnischen Aufstand, den Krieg wegen Schleswig-Holstein und die Vorbereitung des Krieges von 1866 vor Augen, in dem die Fronten und Stellungnahmen dauernd wechseln je nach den augenblicklichen Bedürfnissen, ja sogar beiderseits immer wieder das Rheinland als Kompensationsobjekt auftaucht — bei Bismarck gelegentlich des dänischen Krieges und dann nach den raschen militärischen Erfolgen in Dänemark bei Napoleon, oder, wie Geuss meint, eher nur beim Außenminister Drouyn de Lhuys, und dann kurzfristig im April 1866 im Zuge von Spannungen bei den französisch-österreichischen Verhandlungen. Während in diesen Fällen Geuss die Angebote wohl richtig als rein taktisch beurteilt, ist nicht ganz einzusehen, warum er auf S. 171 gegen die Auslegung Srbiks polemisiert, daß sich das mündlich Gramont gegenüber geäußerte Einverständnis Österreichs zur Schaffung eines neuen unabhängigen Staates aus den Rheinprovinzen auf einen neuen deutschen Bundesstaat, nicht aber auf den vielzitierten Pufferstaat beziehe. Immer wieder weist Geuss darauf hin, daß viele Schriftstücke Bismarcks nur dann richtig verstanden werden können, wenn man die jeweils damit verfolgte Absicht in Betracht zieht, den König für seine Politik zu gewinnen und vor allem dessen Mißtrauen und Sorge vor Napoleon zu bekämpfen. Interessante Details ergeben sich hier wie auch mehrmals später für die Beziehungen Bismarcks zu den preußischen Gesandten, vor allem v. d. Goltz, mit dem er wiederholt in heftigem Widerstreit stand. Nicht richtig durchschaut hat Bismarck in diesem Zeitraum die französisch-österreichischen Verhandlungen und Napoleons Italienpolitik. Allerdings ist Geuss' Argument nicht ganz überzeugend, Napoleon habe dabei den Wert des preußisch-italienischen Bündnisses herabmindern wollen, da Italien an dem Krieg kein Interesse mehr haben konnte, wenn es Venetien im Besitze Frankreichs wußte. Denn daß