Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. (1960)

MIKOLETZKY, Hanns Leo: Franz Stephan von Lothringen als Wirtschaftspolitiker

232 Hanns Leo Mikoletzky Es waren wohl diese seine Armut, sein anfängliches Schattendasein — man versagte ihm in Wien nicht selten sogar den Titel „Altesse royale“ 4) und noch Khevenhüller erwähnt das dem Kaiser mehr als einmal gezeigte ehrfurchtslose Benehmen 5) —, die ihn dazu führten, sich das ihm fehlende größere Arbeitsgebiet selbst zu verschaffen, obwohl Karl VI. ihn 1732 zum Statthalter von Ungarn mit dem Sitz in Preßburg ernannt hatte, was aber für ihn eine, wie Ameth meint, unwillkommene Nachricht war6). Schon gleich nach dem Tod seines Vaters und seinem Einzug in Nancy am 3. Januar 1730 legte er bei der Neugestaltung des lothringischen Staats­und Finanzrates erste Proben ökonomischen Könnens ab, und bald lernte er, der damals immerhin erst 22 Jahre alt war, aufgeschlossen die Zeichen seiner Zeit zu deuten, „in der durch den Aufstieg des Bürgertums und durch die Entwicklung des modernen Kapitalismus die Ablösung der Welt des Adels durch die der Industrie begann“ 7). Er wurde zum „gutten Haus­halter“, wie Khevenhüller ihn am 31. August 1765 nennt8), der im Gegen­satz zu Vater und Schwiegervater Sparsamkeit mit einem ausgeprägten Sinn für Ordnung in den Geschäften vereinigte. Diese Sparsamkeit, eine Neigung, die seine Schwester Anna Charlotte mit ihm teilte, war kein Geiz, obwohl es von ihm auch einschränkend hieß, daß er „nicht gerne was verschencket“ 9). Dasselbe meint der sehr gut informierte preußische Gesandte in Wien, Graf Otto Christoph von Pode- wils (f 1781): „II est économe sans qu’on puisse le taxer pourtant d’ava- rice“. Dennoch wurde diese Art in der Öffentlichkeit als „lesine“, als Knauserei ausgelegt10). Er hatte eben nicht die leichte Hand seiner Gat­tin11), aber auch er konnte innerhalb von acht Tagen 30.000 Dukaten ver­lieren und ließ sich gelegentlich von der freilich besonders favorisierten Hausarchiv. Abt. 1, Karton 43, Brief vom 8. März 1724, vgl. hier auch das Schreiben vom 31. August desselben Jahres. 4) HHStA., Lothringisches Hausarchiv. Abt. 2, Karton 179, Nr. 658: Protest der Lothringer. 6) Vgl. Friedrich Walter, Männer um Maria Theresia. 1951, S. 162. 6) Alfred R. v. Arneth, Maria Theresia’s erste Regierungsjahre. 1.1863, S. 20. 7) Tromballa a. a. O. S. 149. 8) Aus der Zeit Maria Theresias. Tagebuch des Fürsten Johann Josef Kheven­hüller-Metsch ... 1742—1776. Hrsg. ... v. Rudolf Graf Khevenhüller-Metsch u. Hanns Schiitter (= künftig: Khevenhüller). 1907—1925. 1764—1767, S. 136. e) Khevenhüller 1745—1749, S. 299 (zum 12. Januar 1749). 10) Adam Wolf, Relationen des Grafen von Podewils ..., in: Sitzungsberichte der phil.-hist. Classe der Akad. der Wissenschaften Wien. 5. 1850, S. 498, 500. Vgl. dazu: Friedrich der Große und Maria Theresia. Diplomatische Berichte von Otto Christoph Graf v. Podewils ... Hrsg. v. Carl Hinrichs. 1937, S. 57, 59. u) Maria Theresia, ihr Staat und ihr Hof im Jahre 1755. Aus den Papieren des Großkanzlers Fürst, in: Leopold v. Ranke’s Sämtliche Werke. 30. 1875, S. 9; Alfred R. v. Arneth, Geschichte Maria Theresia’s. 4. 1870, S. 66; Heinrich Kretsch- mayr, Maria Theresia. Neue Ausgabe. 1938, S. 163 u. a. O.

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