Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

PILLICH, Walter: Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1638–1780

Rezensionen 535 Spraehkampf in Siebenbürgen“, in den Mittelpunkt, in der sich Roth, seiner Zeit weit vorauseilend, zu dem Grundsatz vollkommener nationaler Gleichberechtigung bekennt, auch und gerade den Rumänen gegenüber. Eingehend werden dann die Aufgaben dargelegt, die der kommandierende General in Siebenbürgen, Anton Freiherr v. Puchner, Roth, dem nunmehr kaiserlich bevollmächtigten Kommissär, übertrug, und die Gewissenhaftig­keit und treue Hingabe aufgezeigt, mit der Roth als Adlatus des Kokel- burger Komitatsverwalters die ihm auf erlegten Pflichten erfüllte. Nichts ist bezeichnender für diesen in kleinen Verhältnissen wahrhaft großen Mann, als das schöne Wort von den „drei zur Brüderlichkeit bestimmten Sprachen“, das er in einem Vorschlag zur Einführung eines dreisprachi­gen Amtsblattes gebrauchte — ein „hohes Lied siebenbürgischer Duldung und Versöhnlichkeit“, mit dem sein amtliches Wirken ausklingt. Und dann rollt vor unseren Augen das erschütternde Drama von Roths Verhaftung, von seiner standgerichtlichen Behandlung und seiner Hin­richtung ab. So deutlich nun aber auch das pochende Herz des Verfassers bei der Schilderung der letzten Lebenstage seines Helden durch den fast trockenen Bericht hindurch hörbar wird, so bleibt er doch stets der seine Quellen streng auf ihren Wahrheitsgehalt prüfende, keiner Legendenbil­dung Raum gebende Historiker. Beispielhaft ist da etwa die Untersuchung der Überlieferung des Ausrufes, zu dem die bewundernswerte Haltung Roths den das Hinrichtungspikett kommandierenden Hauptmann hingerissen haben soll: „Soldaten! Lernt von diesem Mann, wie man für sein Volk stirbt!“ Allerdings, Roth ist nicht nur für sein sächsisches Volk gestor­ben, sondern für das dieser aufgewühlten Zeit unverständliche Ideal einer bereits weit über nationalistische Enge hinausgewachsenen Menschlichkeit. Und darum besitzt das von Roth gegebene große Beispiel ewige Gültigkeit. In seinem Schlußkapitel bringt dann Folberth die Entscheidung, vor die Ungarn sich seit 1848 gestellt sah, auf die knappe, aber das Wesentliche erfassende Formel: „Kossuth oder Széchenyi?“ Nun, die Magyaren sind der Fahne Kossuths gefolgt, sie haben das Opfer Stephan Ludwig Roths, haben seine der Aufrichtung einer echten Friedensordnung geltenden Ge­danken nicht verstanden, nicht verstehen wollen und sie haben die bitter­harten Folgen ihres engstirnigen Chauvinismus, haben den Zerfall des Reiches des hl. Stephan auf sich nehmen müssen. Der sehr lebendigen und sprachlich gewandten Darstellung fügt Fol­berth noch einen die wichtigsten Dokumente umfassenden Urkundenteil an, der es ermöglicht, den Verlauf der Ereignisse von der Berufung Roths in den Pazifikationsausschuß bis zur Bewilligung eines Erziehungsbeitrages für seine unmündigen Kinder durch Kaiser Franz Joseph aktenmäßig zu verfolgen. Das Hauptstück dieser Urkundensammlung bildet natürlich das Protokoll der Standgerichtsverhandlung, das in magyarischer Urfassung und in deutscher Übersetzung gebracht wird. Ein eingehendes Literatur­verzeichnis und Personen- und Ortsregister schließen das als Geschichts­werk wie als ethisches Mahnmal gleich bedeutende Buch ab, zu dem man den Verfasser wie die ihre Publikationsreihe damit vielversprechend eröffnende Arbeitsgemeinschaft Ost herzlich beglückwünschen darf. Friedrich Walter (Wien).

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