Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

ROEMHELD, Friedrich: Konstantin Reitz. Ein vergessener Vorkämpfer für abendländische Kultur in Afrika

Konstantin Reitz 293 wesen, „für deren strenge Einhaltung er insbesondere verantwortlich gemacht worden war“, — Gründe genug, um ihm den weiteren Besuch der Hochschule für ein Jahr zu verbieten (16. August 1836). So blieb dem Sünder nichts anderes übrig, als sich zunächst ins Eltern­haus nach Dieburg zurückzubegeben, wo gewiß nicht eitel Freude über die Heimkehr des Sohnes geherrscht haben mag. Daheim fand er einen jungen Mann vor, den er wohl schon von Gießen her kannte und der damals als Hauslehrer Konstantins jüngere Brüder sowie die Kinder anderer Ortsgrößen von Dieburg unterrichtete. Es war der um zwei Jahre ältere, am 13. Januar 1815 in Darmstadt geborene Stu­dent der Theologie Ernst Elias N iebergall8), der sich später als Ver­fasser von Lokalpossen in Darmstädter Mundart einen weit über die Gren­zen des Hessenlandes hinaus bekannten Namen gemacht hat. Die beiden jungen Leute hatten vieles gemeinsam: beseelt von ernstem Streben, war doch auch Niebergall ganz wie Reitz „dem üblichen Treiben und Kneipen"1 der Studenten in Gießen durchaus nicht abhold gewesen, und auch er war mit den Hochschulgerichten wiederholt in unliebsame Berührung gekom­men. „Von der Anschuldigung, an einer strafbaren Verbindung teilgenom­men zu haben, wurde er nach dreijähriger Untersuchung im Dezember 1836 freigesprochen. Inzwischen aber hatte er 1835 die Universität verlassen, ohne abschließendes Examen'1, da die Studenten vor Beendigung der Unter­suchung keine Prüfung ablegen durften. Die Verhältnisse hatten ihn aber gezwungen, auf irgendeine Weise sein Brot zu suchen, und so hatte er die Lehrerstelle in Konstantins Elternhaus angenommen. Reitz „nahm innigen Anteil an den Arbeiten des Dichters, begleitete ihn auf seinen Wanderun­gen“ und wußte den seelisch Vereinsamten aufzurichten und ihm mancher­lei Förderung angedeihen zu lassen. In den Dieburger Jahren schrieb Niebergall die Darmstädter Lokalposse „Des Burschen Heimkehr oder Der tolle Hund“, eine „Studentenkomödie“, von der er einzelne Szenen schon in Gießen unter fabelhaftem Beifall auf der Kneipe vorgelesen hatte. Lange blieb Reitz nicht in Dieburg. Da ihm die Gießener Hochschule verschlossen war, suchte er seine Weiterbildung zunächst auf anderem Wege zu fördern. Er ging nach Darmstadt, wo kurz zuvor (1833) eine Höhere Gewerbeschule, die Vorläuferin der jetzigen Technischen Hoch­schule, ins Leben gerufen worden war. Hier beschäftigte er sich nament­lich mit Mathematik und Physik. Als er glaubte, sich die nötigen Kennt­nisse angeeignet zu haben, bat er die oberste Forstbehörde um Zulassung zur Staatsprüfung. Aber obwohl seine Lehrer das Gesuch befürworteten, wurde er wiederholt abschlägig beschieden, weil er nicht die nötigen Nach­8) Über Niebergall vgl. die Einleitung- zu den von Georg Fuchs neu heraus- g-egebenen dramatischen Werken des Dichters; ferner Wilhelm Diehl, a. a. O., S. 248 ff. und Theodor Ritsert, a. a. O., S. 93 — Über die aus Thüringen stam­mende Familie Niebergall vgl. DGB, Bd. 69.

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