Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

ARETIN, Karl Otmar Freiherr von: Eugen Beauharnais' Königreich Italien beim Übergang zur österreichischen Herrschaft im April 1814. Aus den nachgelassenen Papieren des k. k. Feldzeugmeisters Ludwig Frh. von Welden

286 Karl Otmar Freiherr von Aretin vom Himmel gefallen, über mich hereingestürzt kam, das weiß ich noch heute durch nichts anderes zu erklären, als vielleicht eben durch die große Überraschung, die mir äußerste Vorsicht und Besonnenheit aufnöthigte — wäre so alles nach und nach gekommen, so wäre sie vielleicht verloren gegangen. Am dritten Tage schon traten neue Verlegenheiten ein: der französi­sche Stolz, empfindlich gekränkt — die solange behauptete Stadt nicht durchziehen zu sollen, hatte den General Quesnel bestimmt, all meine Be­dingnisse und Verfügungen über den Haufen zu werfen, indem er er­klärte, er würde in zwei Tagen durch Mailand seinen Marsch fortsetzen und jeden niederschießen, der ihn daran hindern würde. Das wäre ein Fest für die Canaille geworden, und manches Messer war bereits gewetzt, denn es galt Beute zu machen und Rache zu nehmen. Nachdem ich noch einmal, von meinen französischen Offizieren unterstützt, dem General ein treues Bild der Stimmung entworfen hatte, erklärte ich kurz, daß ich zu nichts anderem mehr die Hand bieten und nach Turin abgehen würde. Alle Bessergesinnten in Mailand wünschten noch eine Vermittlung; die fran­zösische Division erhielt die Erklärung, daß man die Lebensmittel vor die Tore bringen würde, die Truppen müßten aber außerhalb derselben, um die Wälle herum, ihren Marsch fortsetzen, sonst könne man für nichts gut stehen. Und so geschah es denn auch; der Anblick eines wütenden Volks­haufens imponirt selbst dem bravsten Krieger mehr als eine gegen ihn gerichtete Batterie! Die Franzosen, mit der Bewirtung zufrieden, zogen ruhig die angewiesene Straße, und ich verließ am 24. April in der Rich­tung von Novara Mailand, wo zwei Tage später der österreichische Gene­ral Lommariva mit Spezialvollmachten des Feldmarschalls Grafen Belle­garde und am 28. unsere Avantgarde eintraf. In Turin, wo ich zwei Tage später eintraf, hatte mein Einzug einen wesentlich weniger festlichen Charakter als in Mailand. Kein Volks­gedränge in den großen, breiten, regulären Straßen und beinahe menschen­leer der ungeheure Platz vor dem Königlichen Schlosse, welches damals noch von dem Gemahl Elisens, der Schwester Napoleons, dem Prinzen Bacchiocchi bewohnt war, der eine Art von Gouverneur der piemontesi- schen Provinzen vorstellen sollte01)- Truppen waren nirgends zu sehen, nur das Kastell war mit Artillerie besetzt. In Turin sollten sich die Offi­ziere des Generalstabs versammeln, welche zur Recognoszierung der drei Kolonnenwege über die Alpen bestimmt waren, aber der Vorfälle in Mai­land wegen, noch zurückgehalten waren. In Ermangelung jeder militäri­schen Behörde begab ich mich des folgenden Tages zu dem Prinzen Bac- ciocchi, den ich in jeder Beziehung einen Ignoranten über die jüngsten Ereignisse und nicht wenig erschrocken fand, so unerwartet einem öster­reichischen Stabsoffizier gegenüber zu stehen. 61 * 61) Felix Fürst Bacciocchi, seit 1805 Fürst von Lucca und Piombino, hei­ratete 1797 Elise Bonaparte, die Schwester Napoleons.

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