Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
ARETIN, Karl Otmar Freiherr von: Eugen Beauharnais' Königreich Italien beim Übergang zur österreichischen Herrschaft im April 1814. Aus den nachgelassenen Papieren des k. k. Feldzeugmeisters Ludwig Frh. von Welden
274 Karl Otmar Freiherr von Aretin Es muß hier eines eigenen Zwischenfalles erwähnt werden, der von neuem beweist, wie oft zufällige Ereignisse großen Einfluß ausüben. Im österreichischen Hauptquartier von Verona war man in letzterer Zeit durch das Ausbleiben aller Nachrichten von der großen Armee in Frankreich, in einiger banger Besorgnis. Dieses Ausbleiben erklärte sich wohl in der Folge durch die von Napoleon damals gegen die Elsässischen Festungen gerichteten Bewegungen, durch die Aufstände bewaffneter Bauern, durch welche selbst eine Zeitlang die Verbindung des gegen Paris sich bewegenden Hauptquartiers des Fürsten Schwarzenberg mit Dijon unterbrochen wurden. In Verona trug dieses Ausbleiben nur dazu bei, dem immer zögernden Benehmen des Königs Murat neue Anhaltspunkte zu gewähren. Der Feldmarschall, dessen edlem, ritterlichen Character jede persönliche Berührung mit einem Verräther zuwider war, hatte doch endlich dem Verlangen des Grafen Nugent und dem Drängen seiner näheren Umgebung, welche über den paralysirten Zustand unserer Armee trostlos war, nachgegeben und endlich in eine persönliche Zusammenkunft mit dem König Murat bei Ostilia gewilligt: aber ohne alle weitere Nachricht über unsere Operationen in Frankreich, wo die Wendungen des Krieges nicht zu bestimmen waren, mit welchen Argumenten sollte es dem Feldmarschall gelingen Murat zu einiger Thätigkeit zu bringen? 44). Die Abreise war für den Morgen bestimmt, als mir noch in der Nacht eine Depesche in die Hände kam, welche einem neapolitanischen Kurier, der von München nach Bologna instradirt war, deshalb abgenommen wurde, weil er zwischen Ala und Peri umgeworfen und sich den Fuß gebrochen hatte, so daß er nicht weiter konnte. Da ich bestimmt wußte, daß die große Délicatesse meines Feldherren ihm die Einsicht dieser Depesche selbst in diesem Moment umsoweniger gestatten würde, als er selbst sie des anderen Morgens dem König zu überbringen hatte, so nahm ich erst früher davon Abschrift, und übergab sie wohlversiegelt dem Feldmarschall, der dieselbe wohl mit lüsternem Blick betrachtete, allein kein Kennzeichen ihrer Eröffnung wahrnahm. Erst dann übergab ich die Abschrift. Es war ein Bericht des Fürsten Pignatelli, neopolitanischen Gesandten in München — an den König, in welchem ihn dieser beschwor, jetzt jedes zweideutige Benehmen aufzugeben, zu Gunsten der Österreicher noch einen Schlag auszuführen, nachdem die letzten Bewegungen Napoleons auf Laon gänzlich gescheitert seien, und er durch das rasche Vordringen der Alliierten auf Paris von seiner Hauptstadt abgeschnitten werde45 ). Wenn dies Alles ein Zufall war, war es wenigstens ein sehr günstiger, und ich werde nie den Ausdruck vergessen, welchen die Physiognomie des Feldmarschalls annahm, als ich ihm die Depesche vor gelesen hatte. 44) Die Zusammenkunft Bellegarde—Murat fand am 6. 2. 1814 statt. 4r>) Fürst Pignatelli war bis 1815 neapolitanischer Gesandter in München.