Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
ARETIN, Karl Otmar Freiherr von: Eugen Beauharnais' Königreich Italien beim Übergang zur österreichischen Herrschaft im April 1814. Aus den nachgelassenen Papieren des k. k. Feldzeugmeisters Ludwig Frh. von Welden
Eugen Beauharnais’ Königreich Italien beim Übergang zur österr. Herrschaft 271 zu geleiten3!). Diese Aufgabe, an und für sich gewiß interessant, bot indeß in der Folge solche Schwierigkeiten, daß ich zuweilen an deren Lösung verzweifelte. Schon am 20ten April begab ich mich mit einer kleinen Anzahl Offiziere unseres Generalstabs nach Mantua um mich dem Vice König vorzustellen. Ein sonderbares Gefühl — durch all diese, noch vor wenig Stunden fest verriegelten und stark besetzten Thore einzuziehen wie in eine verbündete Stadt! Aber der Ausdruck der Gesichter die mich empfingen, deutete nicht auf friedliche Gesinnungen: am meisten waren es die italienischen Truppen, die von Verrat träumend, den ersten Österreicher — dessen Farbe sie bald tragen sollten, mit einem unläugbaren Ausdruck von innerem Grimm empfingen, und als ich bei dem Festungscommandan- ten General Zucchi eintrat, wo eben das ganze italienische Offizierscorps versammelt war, zogen weissagend und gespenstig alle jene Verschwörungen an meiner Phantasie vorüber, die in der Folge sooft unseren besten Absichten in Italien entgegentraten. Besser ward ich bei dem Vice König selbst und von seiner französischen Umgebung empfangen. Der Franzose legt selbst vor dem Feinde seine nationale Urbanität nicht leicht ab. Es war wie oft komisch, wie ich — zuweilen als Parlamentär verwendet, mit diesen Herren auf den Vorposten, sowie in einem Salon verkehrte, artig und zuvorkommend empfangen wurde, und wie sie dann, wenn das Geschäft geendigt — nur meine Entfernung aus der nächsten Schußweite abwarteten, um mir noch einige Kugeln nachzuschicken, comme pour la bonne bouche. Der Vice König empfing mich lächelnd; es war wie ein Zug von leichter Ironie auf dem schönen martialischen Gesicht, den ich mir übrigens bald erklärte. Ich war während meiner Dienstleistung bei der Armee von Italien als der Zweitälteste Stabsoffizier im Hauptquartier mit der Führung des Kundschaftswesens betraut, und hatte mir alle Mühe gegeben, den verschiedenen Anforderungen zu entsprechen, welche die Führer der Armee an mich stellten. Anfangs war es nicht so leicht Menschen zu finden, die sich diesem so gefährlichen Geschäfte widmen wollten, welches einen für die Intrigue empfänglichen Geist voraussetzt, der selten im deutschen character liegt. Als wir weiter in Italien vorrückten, ging die Sache leichter, dem Italiener ist es ja Bedürf- niß Alles aufzustöbern und wo möglich eine kleine Rolle zu spielen. Menschen aus allen Ständen, Damen nicht ausgenommen, konnte ich, vorzüglich im Beginne des Jahres 1814 unter die Triebfedern der Machinationen zählen, die sich damals zwischen den Hauptquartieren des Vize Königs in Verona, jenem des Generals Serras in Venedig und dem unsrigen in Vicenza entspannen. Ich komme einmal früher oder später darauf zurück, weil die Sache so weit führte, daß ich sogar in persönliche Berührung mit Herren Tornai kam, welcher die geheime correspondenz des Vicekönigs und die 37 37) Vignolles, Graf, Generalstabschef Beauharnais.