Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
MISKOLCZY, Julius: Metternich und die ungarischen Stände
244 Julius Miskolczy setzte sich auch für die Sache der Protestanten ein. Er verlangte, daß ihre Angelegenheiten in kürzester Zeit entschieden werden sollten, er wollte sie vor sämtlichen Übeln der Zeit schützen, auch auf den ausländischen Universitäten. Am meisten überrascht, daß er sich in der Angelegenheit der Zensur gefügiger als der ungarische Kanzler zeigt. Wo es aber um die Fragen des Bestandes der Monarchie ging, da kannte er nach wie vor kein Kompromiß. Ganz klar sieht man dies in der Handelspolitik. Man kann ruhig annehmen, daß es Metternich 1830 gleichgültig war, ob die österreichische Hälfte oder Ungarn an der Zwischenzollinie verliere, nicht aber gleichgültig konnte ihm das Recht des Herrschers auf Festsetzung der Zollsätze sein. Wir erkennen hier das Prinzip, das auch in den späteren Jahren die Gedankenwelt Metternichs beherrschte. Wie beherrscht von einer fixen Idee, griff er ständig die Politik Josephs II. an, weil er in ihr den Grund zum Erwachen des Ungarntums 1790 ansah. Sein Herrscher lebte noch, als Metternich auch die Politik der Jahre 1811—1825 als „peinlich“ verurteilte und den Ratschlag gab, der Herrscher solle nicht mehr den Boden der Rechtmäßigkeit verlassen. Wir kennen schon diesen Ausspruch Metternichs. Wir haben gesehen, daß er ständig für die Rechtmäßigkeit eintrat und im stillen überzeugt war, daß die Einhaltung von Buchstaben und Geist der Gesetze für das friedliche Weiterleben der Stände und des Königs genügen würde. Keine Reformen also, nur die Einhaltung der Gesetze: das ist dasjenige, was wir die Quintessenz des metternichischen Systems gegenüber den Donauvölkern nennen würden. Im Sinne dieses Systems blieb er nur dort weiterhin unbeugsam, wo die Angelegenheiten der ganzen Monarchie in Frage standen. Darum ließ er den Grafen Kolowrat zwingen, an der Erledigung der ungarischen Angelegenheiten teilzunehmen, die Ungarn und die österreichische Hälfte gleichermaßen angingen. Und dann beginnt eine Zeit, die man in der ungarischen Geschichtsschreibung die Jahre der politischen Prozesse nennt, die aber mehr waren als das: vielleicht könnte man sie Jahre der Kraftprobe nennen. Es besteht kein Zweifel, daß diese Prozesse anders betrachtet werden müssen, als es im allgemeinen geschehen ist und noch heute geschieht. Die ungarische Geschichtsschreibung betrachtet nämlich die Geschehnisse nur vom ungarischen Globus aus, und vergißt unter anderem darauf, daß der Hauptakteur in dieser Politik gar nicht Metternich, sondern sein Ratgeber, der ungarische Kanzler A. Reviczky, war. Nehmen wir die Angelegenheiten der Reihe nach: Reviczky machte Metternich auf die Quertreibereien der polnischen Flüchtlinge in Paris aufmerksam und er war es, der diesen Pariser Einfluß auf die Ungarn aufbauschte; Reviczky war es, der das Auftreten der Regierung gegen die Kasinos, eine Schöpfung Széchenyis, herbeiführte; Reviczky, der das größte Problem, die Beobachtung Wes- selényis, nahelegte. Eine andere Sache ist, daß Metternich dann alle diese Angelegenheiten, besonders die Affaire Wesselényi, als Ereignisse von