Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

HRAZKY, Josef: Die Persönlichkeit der Infantin Isabella von Parma

Die Persönlichkeit der Infantin Isabella von Parma 187 Ist der erste Discours eine Studie über das Verhalten der Menschen, das von ganz anderen Antrieben bestimmt wird als die Masse meint und als sie oft selber glauben, so richtet der zweite Aufsatz prüfend den Blick auf die Wertstruktur des eigenen Innern21). Die junge Philosophin be­merkt, daß sie an den Leiden ihr teurer Personen schwer trägt, aber gleich­gültig bleibt, wenn ihr selbst das Gleiche zustößt, daß also die indifferentia der wahren Philosophie (nach der Lehre der Väter Jesu) nur zur Hälfte von ihr befolgt wird. Dieselbe Schwäche entdeckt sie bei allen Denkern, daß sie nämlich den Grundsätzen ihrer Lehre nur zum Teil gehorchen und nicht in allen Dingen. Sie selbst findet sich immer trotz allen Anläufen gleich weit von der Vollkommenheit entfernt. Der folgende kurze „traité sur les hommes“ 22) ist eine Burleske, die tief in die Eigenart der Schreiberin blicken läßt. Eitelkeit und Egozentrik machen nach ihr den Mann zum unnützesten Geschöpf der Erde. Mit Ver­nunft begabt, benehmen die Männer sich unvernünftiger als die Tiere. Schade, daß sie nicht als solche geschaffen wurden, dann könnten sich die Frauen über sie wenigstens unterhalten. Ihr Daseinszweck ist, den Wert der Frauen zu beweisen. Das Bewußtsein ihrer Minderwertigkeit veranlaßt sie, die Frauen zu knechten. Beweis: jede Frau könnte ohne Männer leben, wenn man nicht den Mädchen einredete, sie seien verhaßt, aber kein Mann ohne Frau. Da sich aber der Teufel nun einmal in die Schöpfung gemischt hat, muß man mit ihnen Geduld haben und in Frieden leben. Das persönlichste Stück ist der vierte Aufsatz23). Maria Anna, die älteste, sehr kluge und gütige Erzherzogin, fühlt sich von Isabella ver­drängt. Sie leidet daran, daß sie von Geburt verwachsen ist. Unter den heftigen Szenen, die sie heraufbeschwört, erleben Marie Christine und deren Obersthofmeisterin Gräfin Vasquez, die von der Kaiserin die Auf­gabe erhalten hat, Maria Anna zu beruhigen und zu trösten, die schwersten Stunden. „Koko“ will dieses Amt niederlegen, die liebenswürdigste und hilfsbereiteste unter den Grandes-Maitresses des Hofes. Isabella steht hoch über diesen Aufregungen des Tages. Sie dichtet einen Mythos von der wahren echten Freundschaft, wie sie in der Urzeit herrschte und noch in Isabella und Mimi weiterlebt. Aber die Moderne ist mit Marianne auf den Plan getreten und nun findet die Natur mit ihrem ewig gleichen holden Zauber keinen Anwert mehr. Er wird von den Pikanterien der Intrigue, der Hinterlist, der Falschheit verdrängt. Die neue Zeit will diese künst­lichen Reize nicht missen und immer mehr Anhänger der Einfachheit und Ehrlichkeit verfallen den aufregenden Lockungen der komplizierten und unehrlichen Denk- und Lebensweise, als deren große Meisterin die arme verwachsene Marianne hingestellt wird. 21) Le vrai philosophe, Aufsatz III 2, 3. 22) Aufsatz I. 9, 10. 2S) Les charmes de la fausse amitié. Aufsatz I. 1, 2.

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