Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

NOVOTNY, Alexander: Österreich-Ungarn und die Türkei zur Zeit des Berliner Kongresses bis zum Abschluß der Konvention vom 21. April 1879

344 Alexander Novotny­Lektüre alles dessen, was aus seiner Feder hervorging, ob holländisch oder französisch, ob gedruckt oder bloß geschrieben, ist ein hoher Genuß und man wäre manchmal versucht, eine politische Geschichte Europas zu seiner Zeit nur auf Grund seiner Schriften, Briefe und politischen Berichte zu schreiben. Der Historiker beneidet ihn mitunter um seine eindringende Kenntnis der Verhältnisse und Menschen, mit denen er zu tun hatte. An einem seiner interessantesten Berichte, dem im Anhang beigeschlos­senen vom 6. April, fällt die sorgfältige Disposition, die logische Ent­wicklung und die fein nuanzierte Unterscheidung der Gesinnung des Kai­sers, Andrássys, der beiden Regierungen und der öffentlichen Meinungen in beiden Reichshälften auf. Van Zuylen nimmt an, daß Österreich-Ungarn bei der Kompliziertheit der dualistischen Maschine jede innenpolitische Mehrbelastung unbedingt vermeiden müsse. Die Ungarn seien kriegerisch, in Österreich wolle man den Frieden. Die Regierung der zisleithanischen Reichshälfte sei überzeugt, daß die Gewinnung neuer Ab­satzmärkte im Südosten mit Rücksicht auf die finanzielle und wirtschaft­liche Lage der Monarchie nur auf friedlichem Wege erstrebt werden könne. Dies alles ergibt das Bild eines von widersprechenden Tendenzen nicht freien, aber wohlaustarierten Systems der österreichisch-ungarischen Politik, in der die beiden Hauptpole, der Kaiser und Andrássy, die ihnen gebührenden Plätze finden. Kaiser Franz Joseph — so meint van Zuylen —, möchte am liebsten alles in Übereinstimmung mit Zaren Alexander II. regeln. Dazu müßte er Andrássy entlassen; dies könne er aber nicht — mit Rücksicht auf das Volk der Ungarn. (Die starke Rücksichtnahme des Kaisers auf Ungarn wird zart, aber sehr deutlich unterstrichen!) — Van Zuylen spricht es geradezu aus, daß Andrássy vor allem dieser Rück­sicht seine Stellung zu danken habe. Immerhin hebt der niederländische Gesandte hervor, daß Andrássy mit den Verfechtern der kommerziellen Interessen konform handle. Persönlich einem Kriege gegen Rußland nicht abgeneigt, denke er vielleicht sogar an eine Zollunion mehrerer Balkan­staaten mit Österreich-Ungarn, die aber auf den Widerstand Großbritan­niens und wohl auch Italiens stoßen würde. Darüber hinaus aber plane Andrássy doch auch die Ausdehnung der politischen und militärischen Macht und der Schaffung einer Möglichkeit für Österreich-Ungarn, dem Einfluß der Revolution und des Panslawismus auf dem Balkan wirksam entgegenzutreten. Van Zuylen könnte sich vorstellen, daß die Übertragung eines europäischen Mandates Österreich-Ungarn das permanente Recht einer bewaffneten Intervention in den Balkanländern einräumen würde. Seiner Meinung nach werde daher eine bewaffnete Okkupation der an Österreich-Ungarn grenzenden Gebiete ohne Spitze gegen Rußland und ohne Konflikt mit dieser Macht die voraussichtliche Lösung sein. Die Aus­wanderung zahlreicher Flüchtlinge, die Österreich-Ungarn große Kosten verursachen und die sich weigern, zurückzukehren, solange ihre Rechts-

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