Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
NOVOTNY, Alexander: Österreich-Ungarn und die Türkei zur Zeit des Berliner Kongresses bis zum Abschluß der Konvention vom 21. April 1879
Österreich-Ungarn und die Türkei zur Zeit des Berliner Kongresses bis zum Abschluß der Konvention vom 21. April 1879. Von Alexander Novotny (Wien). Am 6. April 1878 verfaßte der damalige königlich niederländische Gesandte in Wien, Mr. Julius graaf van Zuylen van Nyevelt einen ausführlichen Bericht über die politische Lage Österreich-Ungarns, über die Absichten Kaiser Franz Josephs, die Haltung Andrássys und über die öffentliche Meinung in Österreich und in Ungarn1)- Am gleichen Tage erbat der österreichisch-ungarische Botschafter in Konstantinopel — Franz Graf Zichy von Vásonykeö — von Andrássy Weisung, ob und wie weit die Absichten Österreich-Ungarns auf Bosnien-Herzegowina einzelnen Mitgliedern der Pfortenregierung mitgeteilt werden sollten2). In der Zeit vom 28. März bis zum 2. April war der russische Diplomat, General Ignatiev auf Sondermission in Wien gewesen, um der österreichischungarischen Regierung Anerbietungen zu machen und um die Atmosphäre der Verstimmung, welche Rußland hervorgerufen hatte, da es im Präliminarfrieden von San Stephano (am 3. März 1878) frühere Zugeständnisse an Österreich-Ungarn unberücksichtigt ließ, zu zerstreuen. Ignatievs Reise nach Wien war ein politischer Mißerfolg3 *), doch wurde sie u. a. dadurch von Bedeutung, daß Andrássy von diesem Zeitpunkt an endgültig entschlossen war, nicht mehr mit Zustimmung Rußlands die Annexion, sondern im Einvernehmen mit den anderen Mächten und mit der Pforte die Okkupation Bosnien-Herzegowinas anzustreben. Es waren also innen- und außenpolitische Beweggründe, welche Andrássy bei Verfolgung seines Zieles leiteten. Damit war die bosnische Frage in ihr letztes, ihr eigentliches Stadium getreten, welches zuerst zur Besetzung der Donauinsel Ada Kaleh, weiterhin zur militärischen Okkupation Bosnien-Herzegowinas und >) S. Beilage I im Anhang. 2) Vgl. meine „Quellen und Studien zur Geschichte des Berliner Kongresses 1878“. — A.B. Nr. 1004. 3) Am 30. März 1878 schrieb van Zuylen (Ber. 62 holl.), daß Ignatievs Mission, wenn auch erfolglos, doch dazu beitrage, den guten Willen Rußlands zu zeigen, welches den schlechten Eindruck verwischen wolle, den die letzten Maßnahmen des Kabinetts von Sankt Petersburg hervorgerufen hätten. — Die Berichte van Zuylens aus Wien befinden sich im Archiv des Niederländischen Außenministeriums in Den Haag.