Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Bismarcks Haltung zum Vatikanum und der Beginn des Kulturkampfes nach den österreichischen diplomatischen Berichten aus Berlin 1869–1871
316 Erika Weinzierl-Fischer könne. Wollmann sei seinerzeit mit Zustimmung der Kirche ordnungsgemäß zum Religionslehrer ernannt worden und er lehre „noch heute dasselbe, was er vor dem 18. Juli 1870 mit Zustimmung der Kirche gelehrt hat. Ihn zu nöthigen, daß er etwas anderes lehren soll, oder ihn, weil er sich dessen weigert, in seinem Amt zu beunruhigen, hat der Staat keine Veranlassung“. Baron Münch konnte daher in seinem nächsten Bericht nicht umhin, zu betonen, „daß diesem Schritte eine wichtige prinzipielle Bedeutung innewohnt“ 7a). Der Bericht Münchs traf in Wien drei Wochen vor den Mitteilungen ein, die der deutsche Publizist und Altkatholik Dr. Julius Lang Reichskanzler Beust über sein Gespräch mit Bismarck am 4. Juni machte* 80). Da diese Unterredung über die „kirchliche Reformbewegung“ knapp vor Ausbruch des Kulturkampfes stattfand, sind die in ihr geäußerten Ansichten Bismarcks zur religiösen Frage um so bemerkenswerter. Er gibt der altkatholischen Bewegung keinerlei Chancen und hält die Kirche jetzt für „geschlossener und einheitlicher als je“ 81). Von den antikirchlichen Bewegungen habe sie nichts zu befürchten, „wohl aber von der Stärkung der Nationalitätsfrage“. Die altkatholische Bewegung sei ihm eigentlich gar nicht erwünscht gekommen, da durch sie die Zwistigkeiten aus den Hörsälen und Kirchen in den deutschen Reichstag verpflanzt worden seien, „und dem Ausland gegenüber das Bild unserer Einigkeit getrübt wurde. Das war das Illoyale von Seite der Ultramontanen, das ich ihnen niemals vergessen kann ...“ 82). Trotzdem betont Bismarck, daß sich die Regierung neutral verhalten werde, solange ihr dies „nicht etwa Übergriffe Roms unmöglich“ machen. Dann folgt eine scharfe Verurteilung der Kirchenpolitik Beusts vom Augenblick der Ablehnung des Vorschlages Hohenlohes an83) bis zur Kündigung des Konkordates. Diese sei eine Überschätzung seiner Kräfte gewesen und außerdem war „die Logik haarsträubend, mit der man das Konkordat mit der Infallibilität in Zusammenhang brachte und die Kündigung des einen in Folge des anderen motivieren wollte“. Nach der nachdrücklichen Versicherung, daß die Deutschen keine Nationalkirche ™) 6. Juli 1871. P.A. III, Kart. 103, Nr. 67 B. 80) 11. Juli 1871. Ebendort Kart. 104. — Diesen Bericht hat erstmals Eduard Heller in der „Reichspost“ vom 19. Mai 1929, Nr. 138, veröffentlicht. Hussarek a.a.O. S. 313 und 347, sowie Schmidt a.a.O. S. 331 haben nach Heller einzelne markante Sätze zitiert. 81) Eine ähnlich lautende Beurteilung der Kurie als politische Macht, die er deshalb respektiere, hat Bismarck am 13. Februar 1871 in Versailles geäußert. Kißling a.a.O. 1, S. 358 f. 82) Diese Stelle findet sich fast wörtlich in der bekannten Rede Bismarcks vor dem Abgeordnetenhaus am 30. Jänner 1872 wieder (G.W. 11, S. 226, und Rothfels a.a.O. S. 233), mit der er nach Franz a.a.O. S. 22 den „eigentlichen“ Kulturkampf eröffnete. 83) Siehe oben S. 302.