Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Bismarcks Haltung zum Vatikanum und der Beginn des Kulturkampfes nach den österreichischen diplomatischen Berichten aus Berlin 1869–1871
312 Erika Weinzierl-Fischer noch ausstehenden römischen Antwort auf die Depesche Darus 59) eine Note über das Schema De ecclesia und die Canones an Antonelli richten. In der Presse ließ Bismarck in den nächsten Tagen mehrmals verlauten, daß Preußen in der Konzilsfrage die Initiative den katholischen Regierungen überlassen müsse, jedoch alle von katholischer Seite ausgehenden Versuche, die Verfassung der katholischen Kirche vor Rechtsbrüchen und den kirchlichen und staatlichen Frieden vor Störungen zu beschützen, unterstützen werde60 *). Zu den Anstrengungen Bismarcks, Mitte März 1870 plötzlich eine gemeinsame Aktion der Mächte in der Konzilsfrage zustande zu bringen — was ja seiner ganzen bisherigen Haltung völlig widersprach —, hat höchstwahrscheinlich der Bericht des Botschafters Bernstorff aus London vom 9. März den Anstoß gegeben. Nach Bernstorff hatte der englische Staatssekretär Lord Clarendon seinem Bedauern darüber Ausdruck gegeben, daß Preußen nicht gemeinsam mit Österreich und Bayern entschieden gegen die hierarchischen Tendenzen der Kurie Stellung genommen habe 81). Bismarck, der im Frühjahr 1870 aus außenpolitischen Gründen ganz besonders auf das Wohlwollen Englands bedacht sein mußte, versuchte nun, durch eine allerdings nur dem Eingeweihten merkbare politische Aktivität den Eindruck zu verwischen, den sein bisheriges reserviertes Verhalten in London gemacht hatte. Andererseits gebot ihm aber seine politische Klugheit, andere vorzuschieben, um im Fall des dann tatsächlich eingetretenen Fehlschlages seiner Bemühungen weiterhin sowohl für die Kurie als auch für die Infallibilitätsgegner der interessierte Unbeteiligte sein zu können. Nach dem Mißlingen der von Bismarck geplanten Aktion beherrschte die Frage der Unterstützung der französischen Note zum Schema De ecclesia und den 21 Canones das Feld62). Bismarck erklärte sich unter dem Vorbehalt der Prüfung des Textes sofort bereit, sich der Note anzuschließen, was Staatssekretär Thile noch am gleichen Tag, am 25. März, Wimpffen mitteilte63). Bayern hatte sich unterdessen dazu entschlossen, von jeder Initiative Abstand zu nehmen, die vor allem Frankreich zukäme. Es werde jedoch seine Unterstützung nicht versagen, wenn Preußen und Österreich das Gleiche täten64). Nachdem dann Bismarck sein Einverständnis zur französischen Depesche nach Paris telegraphiert hatte und Beust ebenfalls bereit war, sich diesem Schritt anzuschließen, zögerte auch Bayern nicht mehr. Die Botschafter der drei Mächte in Rom 5») Siehe oben S. 308. 60) Busch a.a.O. I, S. 21. 6D G.W. VI b, Nr. 1534. 62) Über diese Aktion vgl. Granderath a.a.O. II, S. 712 ff., und Schmidt a.a.O. S. 343 ff. 63) 26. März 1870. P.A. III, Kart. 101, Nr. 32 A—C, und Privatbrief Wimpf- fens an Beust vom gleichen Tag, ebendort. 64) 4. April 1870, ebendort Nr. 36.