Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

WAGNER, Hans: Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730

188 Hans Wagner politische Haltung der Fürsten und den Einfluß ihrer Berater und Günst­linge beschränkter Auszug des eigentlichen „Reisejournals“ ist. Das Journal hingegen, das hier ediert werden soll, enthält eine nach Tagen getrennte ausführliche Beschreibung aller Vorkommnisse der Reise, soweit sie zur Kenntnis des Grafen gelangt sind und von ihm der Bericht­erstattung würdig erachtet wurden. Besonders ausführlich sind natürlich die politischen Gespräche des Königs mit Seckendorff und den besuchten Fürsten wiedergegeben. Das Reisejournal ist in mehreren Abschriften erhalten, der Reinschrift für den Prinzen Eugen8) und zwei Kopien im Gesandtschaftsarchiv Seckendorffs in Berlin, von denen eine den Eindruck eines Konzeptes macht9). Die andere weist einige Verbesserungen von der Hand Seckendorffs auf, die in der Reinschrift teilweise unberück­sichtigt geblieben sind10). Das für den Prinzen Eugen bestimmte Exem­plar, das der Edition zugrunde gelegt wurde, umfaßt 38 Folien und wurde in zwei Etappen abgeschickt. Der erste Teil beginnt am 15. Juli und endet am 26. Juli in Ansbach, der zweite, die „Continuation des Reisediarii“ reicht vom 26. Juli bis zum 26. August, dem Tag des Wiedereintreffens des Grafen in seinem Gut Meuselwitz bei Altenburg, von wo die Reise ihren Ausgang genommen hatte. Die beiden Teile sind von verschiedenen Sekre­tären geschrieben worden, auch die Orthographie zeigt Unterschiede. Sie scheinen nicht täglich diktiert worden zu sein11), müssen aber mit ihren detaillierten Angaben auf täglichen Notizen beruhen. So kann man den Bericht nicht eigentlich als Reisetagebuch bezeichnen, da er aus tagebuch­artigen Eintragungen erst zusammengestellt worden ist. Deshalb wurde im Titel der Ausdruck „Reisejournal“ gewählt. Der Graf selbst entschuldigt in seinem Begleitbrief vom 30. August die mangelhafte Form des Be­richts 12). Bisher wurde dem Reisejournal nur wenig Beachtung geschenkt. Die Benützung einzelner Stellen konnte nur bei Arneth 13) — unter irrtüm­®) Große Korrespondenz, Fasz. 105 b, fol. 117—128 und 147—174. °) Ebenda, Fasz. 130, fol. 111—120 und 201—238. 10) Ebenda, Fasz. 112 b, fol. 87—98 und 175—208. Die in der Reinschrift nicht berücksichtigten Verbesserungen Seckendorffs werden in der Edition in Fußnoten gebracht. 11) Das geht aus dem Eintrag vom 4. August hervor, wo der Nächtigung des Königs in Steinfurth wegen des dort erfolgten Fluchtversuchs des Kronprinzen besondere Bedeutung beigelegt wird. Da Seckendorff damals schon nach Mann­heim vorausgefahren war, konnte er erst später davon erfahren haben. 12) Große Korrespondenz, Fasz. 105 b, fol. 145v: „Zu Vergnügung ew. hoch- fürstl. durchl. curiositaet schicke die continuation meines täglich auf der reiß gehaltenen diarii; die Unordnung davon werden ew. hochfürstl. durchl. gnädigst pardonniren, denn wir haben wenig ordentlich bisher gelebet“. 13) Arneth, a.a.O., S. 272 f. und S. 570, Anm. 66 und 68 (die Episode mit dem Marquis de Westerloo in Bonn und die Mißhandlung des Kronprinzen in Wesel).

Next

/
Oldalképek
Tartalom