Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

WAGNER, Hans: Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730

Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom i5. Juli bis zum 26. August 1730. Von Hans Wagner (Wien). Im Sommer des Jahres 1730, mitten in einer Zeit erhöhter Kriegs­gefahr, unternahm König Friedrich Wilhelm I. eine Reise quer durch das Reich, die ihn von den sächsischen und fränkischen Fürstenhöfen über Württemberg, die Pfalz, Hessen-Darmstadt und Bonn in seine rheinischen Besitzungen führte. Der König war damals der einzige namhafte Verbün­dete des Kaisers, der durch den Abfall Spaniens und den Zusammenschluß seiner Gegner im Vertrag von Sevilla 1729 in eine isolierte Stellung ge­raten war. Zweck der Fahrt des Königs sollte sein, die deutschen Fürsten auf der Seite des Kaisers zu halten oder ihr drohendes Abschwenken ins Lager der Verbündeten von Sevilla zu verhindern. Die Reise hat große Berühmtheit erlangt, freilich nicht durch beträchtliche Erfolge des für diplomatische Aufgaben denkbar ungeeigneten Soldatenkönigs, sondern durch den Fluchtversuch des Kronprinzen und die daraus resultierende Katastrophe innerhalb der königlichen Familie. Der Plan einer Doppel­heirat zwischen den königlichen Kindern von Preußen und England war kurz vorher vereitelt worden, da von England der Versuch gemacht worden war, Preußen damit auf die Seite der Alliierten zu ziehen. Die kaiserliche Partei am Hofe hatte das rechtzeitig zu verhindern verstanden. Der ständige Reisebegleiter des Königs war der kaiserliche Gesandte in Berlin, der Reichsgraf Friedrich Heinrich von Seckendorff, gleich­zeitig das Haupt der siegreichen Partei1). Er konnte damals auf bedeu­tende militärische und noch größere diplomatische Erfolge zurückblicken. Im spanischen Erbfolgekrieg hatte er sich in holländischen und sächsisch­polnischen Diensten ausgezeichnet und es dann bis zum kaiserlichen Feld­zeugmeister und polnischen General der Infanterie gebracht. Im Jahr 1715, bei der einzigen Waffentat Friedrich Wilhelms I. als König, nahm er unter dessen Oberbefehl an der Eroberung von Stralsund teil und konnte sich dabei die Achtung des Königs erringen. Deshalb wurde er 1726 auf Betreiben des Prinzen Eugen kaiserlicher Gesandter in Berlin. Es gelang ihm dort, den König auf die Seite des Kaisers zu bringen und bestimmenden Einfluß bei Hofe zu erlangen. Seinen Erfolg beim König verdankte er 1) Über ihn vgl. Versuch einer Lebensbeschreibung des Feldmarschalls Grafen von Seckendorff, 4 Teile. 1792/94, ADB 33, S. 514 ff., und Hellmuth R ö s s 1 e r und Günther Franz, Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, München 1952, S. 775.

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