Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

SPRUNCK, Alphonse: Vizekanzler Johann Philipp von Cobenzl und der belgische Aufstand von 1790 nach seinen Berichten an Kaunitz

J. Ph. v. Cobenzl u. d. béig. Aufstand v. 1790 nach seinen Berichten a. Kaunitz 53 Luxemburg überlassen, da er selbst unschlüssig sei. Der Festungskomman­dant von Luxemburg, der weder die genaue Zahl der flüchtigen Truppen, noch die Straßen kannte, die diese benutzten, kam dadurch seinerseits in große Verlegenheit. Er bemerkte Cobenzl, in seinem Fall erhielte er lieber Befehle als gute Ratschläge und bat ihn um Unterstützung für seine wei­tern Maßnahmen. Weil dieser den besiegten d’Alton nicht hoch einschätzte und glaubte, er sei aller Verantwortung müde, schlug er den Feldzeug­meister Bender als obersten Befehlshaber der kaiserlichen Truppen in den Niederlanden vor, zumal es vor allem galt, die Festung Luxemburg zu retten. Sollte Ferraris in die Lage kommen, Truppen zu befehlen, würde ihm Bender unterstellt werden. Dieser hatte schon mit großem Eifer die Arbeit der Verteilung der flüchtenden Truppen über die Provinz Luxem­burg begonnen; nur die Regimenter Bender und Württemberg hatten wenige Soldaten durch Desertion verloren, die andern so viele, daß manche Kompagnien nur aus acht oder zehn Mann, andere sogar nur aus ihren Offizieren bestanden. In der Nacht vom 20. zum 21. Dezember kamen Bender und General Baillet de Latour10) Cobenzl wecken mit der Nachricht, 6000 Brabanter Rebellen seien bis Marche, der ersten luxemburgischen Ortschaft an der Grenze des Fürstbistums Lüttich vorgestoßen, weitere Abteilungen würden wahrscheinlich folgen. Nach einem Gefecht, in dem sie 16 Mann verloren hatten, hatten die Österreicher den Ort geräumt; in spätestens sechs oder sieben Tagen könnte der Feind die Festung Luxemburg angreifen. Nach Beratung mit Du Rieux, dem Präsidenten des Luxemburger souveränen Rates und dessen Generalprokurator d’Olimart, dem Ausschuß der Stände und einigen Mitgliedern der Regierungskommission wies Cobenzl Bender an, den Generalmajoren d’Alton und d’Happoncourt Befehl zum Widerstand zu geben. Zehn Kommissare sollten in der Umgebung der Festung mög­lichst große Mengen von Lebensmitteln ankaufen. Andere Kommissare sollten im Kurfürstentum Trier und in den französischen Grenzortschaften dieselbe Arbeit besorgen. Alle Fremden sowie die Mitglieder der Stände, deren Aufenthalt in der Hauptstadt zwecklos sei, oder die nicht über Vor­räte an Lebensmitteln verfügten, sollten diese in den nächsten Tagen ver­lassen. Mit Zuziehung von Baillet des Latour und des Regierungsrates Feltz sollte Bender auch die Zivilverwaltung der Provinz Luxemburg leiten. Da dort die Kassen nur über geringe Geldmittel verfügten, sollten die Gelder 10) Graf Maximilian Baillet de Latour, geboren 1737 im Herzogtum Luxem­burg, gestorben 1806 in Wien als Präsident des Hofkriegsrates. In der Schlacht bei Kolin trug er an der Spitze wallonischer Regimenter viel zum Siege bei. Seine Verdienste in den Feldzügen von 1792 bis 1794 wurden mit dem Maria Theresienorden belohnt. Bis zum Frieden von Campo Formio kämpfte er in Süd­deutschland. Sein Sohn, der Feldzeugmeister und Kriegsminister Theodor Franz wurde im Oktober 1848 bei den Unruhen in Wien ermordet.

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