Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

WAGNER, Hans: Die Briefsammlung Gauchez

Rezensionen 597 Bei der nun nachfolgenden Entpolitisierung des Heeres durch den langjährigen Minister Karl Vaugoin, der der christlichsozialen Partei an­gehörte, wurden jetzt Disziplin sowie Sinn für österreichische Tradition und Patriotismus wieder hergestellt; aber im Ausklang seiner bis Sep­tember 1933 währenden Ministerschaft zeigte auch er Tendenzen, das Heer seiner Partei gefügig zu machen. Indessen waren — wie Dr. Jedlicka auf­zeigt — doch alle drei Parteien im Heer vertreten; auch gab es bereits nationalsozialistische Keimzellen, in denen der Gedanke eines Anschlusses an Deutschland gefördert wurde. Dennoch erfüllte das Heer, als es 1934 zur Niederwerfung der von den Sozialdemokraten und dann von den Natio­nalsozialisten entfesselten Aufstände aufgerufen wurde, voll und ganz seine Pflicht. Daß hiebei auf der Seite des Bundesheeres Freiwilligenfor­mationen der bürgerlichen Parteien mitgefochten haben, war für die weitere Entwicklung der Wehrmacht sicherlich keine Erleichterung. Es ist ein besonderer Vorzug dieses sowohl für den Laien als auch für den Historiker und den Wehrwissenschaftler wertvollen Buches, daß der Autor die Zusammenhänge der Vorgänge in Österreich mit den Ereignissen in den Nachbarstaaten aufzeigt. So schildert er eingehend die Wandlungen in Deutschland, er bringt aber auch erstmalig die Kriegspläne der Kleinen Entente, wobei für Österreich auch heute noch jene Operationen von besonderem Interesse sind, die für den Fall vorbereitet waren, wenn von Seite der Habsburger in Wien ein Restaurationsversuch unternommen worden wäre. Wie ein Drama wirkt die Schilderung der politischen Entwicklung von 1937 bis zu den tragischen Märztagen des Jahres 1938. Hiebei erfährt man zum ersten Mal von den verzweifelten Anstrengungen des Chefs des Gene­ralstabes, Feldmarschalleutnant Jansa, um einen von ihm vorausgeahnten Einmarsch deutscher Truppen die Stirne bieten zu können. Dabei hatte sich die wehrpolitische Lage Österreichs zusehends verschlechtert, was in der seit 1937 erfolgten deutsch-italienischen Annäherung seine Haupt­ursache hatte. Als auch die Westmächte Österreich als selbständigen Macht­faktor abschrieben, stand dieses Land völlig vereinsamt da. Spannend ist die Darstellung, wie sich die Verhältnisse zuspitzten, bis es am 12. Februar 1938 zum Kanzlerbesuch in Berchtesgaden kam und Schuschnigg unter schwerem Druck schon verschiedene Forderungen Hitlers auf militärischem Gebiet annehmen mußte. Noch aufwühlender ist die Lektüre der tage- und stundenweisen Schilderung der Vorgänge vom 10. bis 12. März, die mit der Kapitulation Österreichs ihren tragischen Abschluß fanden. Mit Gewehr bei Fuß mußte das österreichische Bundes­heer dem völlig improvisierten Einmarsch einer deutschen Armee Zusehen, in die es bei sofortiger Entkleidung seiner Eigenart und Tradition ein­gegliedert wurde. Das Buch Jedlickas ist knapp vor Weihnachten 1955 und somit gerade zur selben Zeit erschienen, als die grundlegenden Verfügungen zur Auf­stellung des neuen österreichischen Bundesheeres erflossen. Diese höchst verdienstvolle Arbeit des jungen Historikers, der über das Gegenwarts­geschehen hervorragend gut orientiert ist, darf nicht nur das Interesse

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