Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

WAGNER, Hans: Die Briefsammlung Gauchez

576 Archivberichte May, Firnhaber und Co. wegen des Ankaufs von amerikanischen Gewehren für die französische Regierung gerichtet sind6). Bald nach den bewegten Ereignissen der Belagerung von Paris und des Aufstands der Commune scheint Gauchez seinen ständigen Wohnsitz nach Paris verlegt zu haben. Er war dort an der „Gazette des Beaux Arts“ beteiligt. Seit 1875 erschien in Paris die Kunstzeitschrift „L’Art“, die Gauchez gegründet und finan­ziert hat. Vor der Schilderung von Gauchez’ Wirken in und durch die „L’Art“ und seine dadurch bedingte Korrespondenz mit Künstlern und Gelehrten soll seine Bedeutung als Kunsthändler hervorgehoben wer­den, soweit das aus der vorhandenen Korrespondenz möglich ist. Diese Tätigkeit bildete ja zweifellos die materielle Grundlage des Wirkens von Gauchez als Eigentümer oder doch zumindest Hauptbeteiligter an der be­deutenden Kunstzeitschrift. In seiner Eigenschaft als Händler finden wir Gauchez rastlos von Auktion zu Auktion eilen, in Belgien, Holland, England, Frankreich und Italien, immer auf der Suche nach wertvollen Objekten. Daß dabei bedeu­tende Werke durch seine Hände gingen, zeigen der Verkauf eines Vermeer an das Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin7) und seine Geschäftsverbin­dung etwa mit dem Bankier Raphael-Louis Bischoffsheim oder mit den Rothschild, besonders mit der französischen Linie des Hauses, mit Natha­niel, Alphonse und Edouard de Rothschild8). In ständiger Korrespondenz stand er mit dem belgischen Staatsmann Jules de Praet, Minister des königlichen Hauses, ein berühmter Sammler von Malern des 19. Jahr­hunderts9), dem Gauchez Auktionskataloge zuschickte und der seinerseits wieder König Leopold II. bei dessen Einkäufen beriet. Besonders oft hielt sich Gauchez in London auf, er stand in ständiger brieflicher Verbindung mit englischen Künstlern, so vor allem mit Sir William Quiller Orchard- son10). Im Jahre 1882, als Gauchez bei der Auktion Hamilton zwei Botti­celli auf eigene Rechnung ersteigern wollte, wurde er von englischen Zei­tungen als Einkäufer des Louvre, von einer sogar als Direktor dieses ehr­würdigen Kunstinstitutes bezeichnet. Gauchez selbst hat öffentlich diese Behauptungen dementiert und dabei zum erstenmal in einem gezeichneten Artikel in seiner Zeitschrift „L’Art“ das Wort ergriffen11). Fürst Paolo Borghese hat 1889 sogar den Verkauf seines Anteils an der Villa Borghese mit der berühmtesten Privatsammlung der Welt durch Gauchez in Er­wägung gezogen12). Ein interessantes Beispiel, welche Bedeutung die Geschäfte Gauchez’ erreichten, bietet der — allerdings mißlungene — Verkauf des Museums «) Beide von 1870 IX 27 aus Paris, als Absender zeichnet ein Herr Reynolds. 7) Eine Photographie des „sich schmückenden Mädchens“, ursprünglich im Besitz von W. Bürger, befindet sich in der Sammlung. 8) Von Edouard Rothschild findet sich ein Brief über den Ankauf eines Rubens und eine Quittung von 67.000 Francs für ein Gemälde von Reynolds. ») Über seine Sammlung vgl. Charles Tardieu, Le Cabinet de M. Jules de Praet, L’Art 1880, Band 4, S. 278 f. 10) 27 Briefe von Orchardson von 1874 bis 1895, sowie 13 Briefe von Ellen Orchardson sind vorhanden. u) Offener Brief an Monsieur Marius Vachon, L’Art 1882, Band 3. 12) Briefe von Giuseppe und Paolo Borghese von 1889 I 17, III 3 und III 30. Die Villa ist 1902 vom italienischen Staat angekauft worden.

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