Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

CHRISTOPH, Paul: Dokumente zu den Restaurationsversuchen des Königs Karl IV. von Ungarn

Dokumente zu den Restaurationsversuchen des König Karl IV. 543 Versammlung, um zu beweisen, daß „Ungarn habsburgfeindlich ist“. Der Bauernminister Szabó de Nagyatád war heute bei Horthy, um ihm zu sagen, daß die ungarischen Bauern die Habsburger nicht wollen, und daß ein solcher Staatsstreich nur der Sache Karolyis dienen würde. Horthy (immer in Uniform des Admirals „Seiner Majestät des Kaiser- Königs“) soll darauf einen Seufzer — der Erleichterung — ausgestoßen haben. Man glaubt jedoch, daß alles von der Armee und von der Haltung der Offiziere abhängt. Politisches Bulletin vom 1. April 1921. Bis auf einige Ausnahmen sind die Christlichsozialen Anhänger der Habsburger, wie die Partei der Kleinen Landwirte habsburgerfeindlich eingestellt. Die Regierungspartei ist aus diesen beiden Fraktionen zu­sammengesetzt und widerhallt gegenwärtig von diesen Zwistigkeiten. Die Christlichsozialen sind die Funktionäre, abhängig vom Casino mit Andrássy als nominativem Chef. Die Masse der Kleinen Landwirte kommt aus der früheren Kossuthpartei und umfaßt auch Anhänger agrar­sozialistischer Tendenzen. Horthy, als Regent entlassen und heimge­schickt, hat sich den Agrariern genähert, während die christlichsoziale Bürokratie mit den Koryphäen des Casinos Karl verlangt. Das Erschei­nen Karls hat alle Gegner der Habsburger auf den Plan gerufen, welche jetzt zu einer Offensive übergehen und verlangen werden, daß die dynastische Frage einer Lösung in dem einen oder anderen Sinne zu­geführt wird. Der Abgeordnete Balla klagt offen Teleki des Einver­ständnisses mit den Feinden der Nationalversammlung an und nimmt sich vor, es ihm anläßlich der Rede, die er halten will, zu sagen. Die Agrarier verlangen, daß die Nationalversammlung einen Beschluß faßt, welcher „die Haltung und Energie Horthys“ billigt. Inzwischen möchte man gerne wissen, was Karl machen wird. Wird er in die Schweiz zurückkehren, oder wird er versuchen, seinen kleinen Staatsstreich zu entwickeln. Die Offiziere sind in zwei Gruppen geteilt. Die jungen wollen von Karl nichts wissen. Gestern haben tumultuose Versammlungen stattge­funden. Im Laufe dieser Versammlungen ist es gelungen, die Anhänger des Staatsstreichs davon zu überzeugen, daß es in diesem Augenblick ein sehr riskantes Abenteuer wäre, da die Möglichkeit besteht, daß Ungarn von seinen Nachbarn angegriffen und besetzt wird. Die habs­burgtreuen Offiziere haben in der Folge vorgeschlagen, man möge die Regierung und durch diese die Nationalversammlung auffordern, „eine Zivilliste für den legitimen und gekrönten König von Ungarn“ zu votieren, was ihm gestatten würde, mit Geduld den Tag abzuwarten, an dem er ohne Gefahr heimkehren könne. Die Freunde Karls konstatieren, daß die Ereignisse der letzten Tage die Perfidie Horthys gezeigt haben.

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