Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

CHRISTOPH, Paul: Dokumente zu den Restaurationsversuchen des Königs Karl IV. von Ungarn

534 Paul Christoph Der Minister Beniczky, der Karl jüngst in Prangins gesehen hat, erzählt, daß dieser fest daran glaube, daß die Bemühungen der Wiener Bürokratie und der Christlichsozialen, die ihm treu geblieben sind, bald von Erfolg gekrönt sein werden. Karl soll auch der Hoffnung Ausdruck verliehen haben, daß auch in Deutschland die Monarchie wiederherge­stellt würde, und daß in diesem Falle Österreich mit seinem Kaiser schlimmstenfalls ein Bundesland werden könnte, wie es vor Sadowa war, während Ungarn unabhängig bliebe. Karl glaubt auch, daß er in Polen Chancen hat, vorausgesetzt, daß nicht dieses dem Bolschewismus anheim­fällt. Auch im Außenministerium ist man der Ansicht, daß Polen am Vorabend schwerer Ereignisse ist und daß es am Ende entweder bolsche­wistisch oder monarchistisch sein wird. Die Demission des Sozialisten Ignaz Dasczinsky ist nur ein Vorläufer des wiederkehrenden Konser­vatismus und Joseph Pilsudski 5) soll nach Paris gehen, um die Unter­stützung der Entente gegen die Umtriebe der königstreuen polnischen Schlachta zu erbitten, die bereit ist, sich mit den Deutschen zu ver­ständigen. Die Wiener Bürokratie ist ohne Zweifel am Werk, obwohl sie sich eher bemüht, den deutschen Block mit dem ungarischen Anhängsel auf­erstehen zu lassen, als um jeden Preis die Rückkehr der Habsburger vorzubereiten. Hegedüs ist in Wien eingetroffen, um Gratz bei den Be­sprechungen mit dieser Bürokratie und den Christlichsozialen zu unter­stützen. Er ist autorisiert zu erklären, daß Ungarn auf seine formelle Unabhängigkeit besteht, aber in diesen Grenzen bereit ist, alle ehemaligen politischen, wirtschaftlichen und strategischen Verbundenheiten mit einem nichtsozialistischen Österreich zu erneuern, sei es, daß dieses unabhängig bleibt, oder in den früheren deutschen „Bund und Zollverein“ eintritt. Politisches Bulletin vom 25. Januar 1921. Aus einem Bericht, den der ungarische Delegierte auf der Mailänder Konferenz, Herr Edmund Miklós, übersandt hat, geht hervor, daß die Repräsentanten Deutschlands, Österreichs, Ungarns und Bulgariens auf Initiative Deutschlands nach Mailand gegangen sind, um bei der Italieni­schen Union für den Völkerbund gegen die Friedensverträge von Ver­sailles, St. Germain, Trianon und Neuilly zu protestieren; und das zur selben Zeit, da es die früheren Alliierten mit Apponyi in Paris bei der „Internationalen Liga“ tun würden. Man weiß jetzt, daß es der Doktor Bernhard Dernburg und der frühere Kanzler Bülow waren, die im Ein­vernehmen mit ihren italienischen Freunden (Bülow ist der Schwieger­sohn des verstorbenen Minghetti) diese Konferenz vorbereitet haben. Herr Miklós berichtet, daß die Italienische Union ihre Unterstützung für 5) Polnischer Marschall, der seit 1926 Polen diktatorisch regierte (1867— 1935).

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