Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

CORETH, Anna: Unbekannte Briefe P. Marco d'Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen (1690–1697)

46 Anna Coreth ereilte. Er starb in Gegenwart des Kaisers in seiner Zelle im Kapuziner­kloster am 13. August 1699 71). P. Gabriel Pontifeser hatte sich in Spanien große Achtung erworben und hat seine schwierige Stellung durch Klugheit und tadellose Haltung gemeistert. Vor allem hatte er es sich zum Prinzip gemacht, seinen Posten in keiner Weise für sich selbst auszunützen, er lehnte es ab, das Amt eines Generalinquisitors, oder des Erzbischofs von Valencia oder auch den Kar­dinalshut ainzunehmen, welche Auszeichnungen die Königin ihm mehrmals erwirken wollte und das unveränderte Aufrechterhalten seines durch die Regel genormten Kapuzinerlebens konnte ihm jene große innere Freiheit geben, die notwendig war72), und die Marco d’Aviano im höchsten Maße hatte. Von daher verstehen wir jetzt auch die zahllosen Stellen in den Briefen Marco d’Avianos, die sich auf das zurückgezogene Leben beziehen. Warum spricht er wieder und wieder davon? Sicherlich weil die Frage: öffentliches Wirken oder beschauliches Leben in ihm brennend war. Doch ebenso gewiß, weil er dasselbe Problem bei dem anderen wußte und nicht müde wurde, ihm auf diese Weise ohne Unterlaß die Wichtigkeit der Zurückgezogenheit, — bei aller äußeren Verantwortung gegenwärtig zu halten, — wenn dies auch nur zwischen den Zeilen und nur für ihn allein lesbar geschieht. Dagegen vermissen wir in den Briefen so manche Erwähnung äußeren Geschehens, die man erwartet hätte, so etwa vor allem ein Wort über die von P. Gabriel durch Jahre angestrebte und durchgeführte Gründung des Kapuzinerklosters in seiner Heimat Klausen, zu der Königin Maria Anna die grundlegende Stiftung im Sinne einer Gelöbnisbitte um Nachkommen­schaft machte. Sie war es auch, die eine erforderliche Bewilligung von Seiten des Kaisers erwirkte 73); von P. Marco d’Aviano, in dessen Provinz das neue Kloster lag, hört man jedoch nur, daß er sich auf einer Durch­reise in Klausen nach den Dingen umsah. Kaum hatte P. Marco die Augen geschlossen, spitzte sich die Situation am spanischen Hofe derartig zu, daß P. Gabriel im Sommer 1699 seine Stellung für unhaltbar hielt und dringend um Versetzung bat7i); es gelang jedoch der Königin selbst, ihn zu halten und so erlebte der Pater in Madrid die Ereignisse, die das Ende des spanischen Habsburgerreiches bezeichnen: den Tod des Königs Karl II., nachdem er das Testament zugunsten des fran­zösischen Prätendenten Philipp von Anjou unterzeichnet hatte. Es folgte die Verbannung der Königin nach Toledo im Jahre 1701, wohin sie der Kapuziner begleitete; doch schon nach einem Jahre wurde dieser durch den franzosenfreundlichen Papst Klemens XI. von ihr abberufen, es wurde 7») Ebenda, S. 431 ff. 72) Vgl. darüber Hohenegger I, S. 720 ff. 73) Hohenegger, I, S. 483 ff. 74) Vgl. Hohenegger I, S. 723 ff.

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