Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
KRAMER, Hans: Fürstbischof Dr. Cölestin Endrici von Trient während des ersten Weltkrieges. Nach neu gefundenen Akten
520 Hans Kramer Wir gelangen nun zum letzten, aber wichtigsten Kapitel dieses Aufsatzes, zu den Verhandlungen der österreichischen Regierung mit der Römischen Kurie. Endrici war seit langer Zeit in Verbindung mit dem Hl. Stuhl. Er sandte schon am 28. Dezember 1915 aus Trient einen langen Brief an Papst Benedikt XV. (über die Nuntiatur in Wien), der voll von Klagen und Beschwerden über die Bedrückung des Trentino und der dortigen Kirche war. Der Leser dieses Schreibens im Auslande mußte ein verzerrtes Bild erhalten. Endrici hatte nicht das leiseste Verständnis für gewiß unbequeme Maßnahmen, die im engsten Kriegsgebiet, knapp hinter der Front, nötig waren. Leider ließ sich eben dort nicht mehr so wie im Frieden weiterleben. Auch die italienische Heeresleitung dürfte im engsten Kriegsgebiet relativ harte Maßnahmen getroffen haben, und zwar über italienische Bevölkerungsteile. Endrici wollte es auch übersehen, daß Teile seines Klerus und der Bevölkerung gewiß nicht ganz ohne Schuld waren ™). Am 15. Mai 1916, kurz nach seiner Ankunft in Wien, schickte Endrici wieder einen Bericht an den Papst* 74). Es folgte am 9. Juni 1916 die Kopie der oben erwähnten Denkschrift nach Rom, die er im Original beim österreichischen Kultus- und Unterrichtsministerium eingereicht hatte75). Unterdessen erhielt er vom Kardinalstaatssekretär Gasparri ein Schreiben vom 3. Juni 1916, worin dieser ihm in seinen Schwierigkeiten Mut zusprach76). Bald kam ein weiteres Schreiben Gasparris an Endrici vom 13. September 1916 nach, worin er ihm versicherte, daß der Papst von väterlichem Wohl-, wollen gegen ihn erfüllt sei. Der Pronuntius in Wien habe Befehl erhalten, alle seine Kräfte für Endrici und seine Diözese einzusetzen77). Papst Benedikt hat am 14. Oktober 1916 Endrici zum 25jährigen Priesterjubi- läum sehr herzlich gratuliert. Das Schreiben wurde am 21. Juli 1917 im Trienter Diözesanblatt abgedruckt. Der Papst zollte der bisherigen Leitung der Diözese Trient durch Endrici höchste Anerkennung und volles Lob. Er spielte nur kaum wahrnehmbar an die gegenwärtige Lage des Bischofs in Heiligenkreuz an. Immerhin stand natürlich von einer Verurteilung des politischen Verhaltens Endricis kein Wort da. Dadurch hat sich der Papst mittelbar an die Seite des verbannten und unter Anklage gestellten Bischofs begeben. Es war eher ein Schritt gegen die österreichische Regierung78). 78) Zanolini, S. 114, 283 f. 74) Zanolini, S. 133 f. 75) Zanolini, S. 151. 76) Zanolini, S. 152. 77) Zanolini, S. 175. 78) Zanolini, S. 187 ff. Foglio diocesano v. 21. Juli 1917, Nr. 3. Der Brief selbst war vom 14. Okt. 1916.