Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
KRAMER, Hans: Fürstbischof Dr. Cölestin Endrici von Trient während des ersten Weltkrieges. Nach neu gefundenen Akten
518 Hans Kramer rung wünschte keineswegs seine Rückkehr nach Trient und hätte natürlich nie so etwas erfüllt wie die Entfernung des Feldmarschalls als Bedingung eines Ultimatums Endricis. Dieser wäre überhaupt zu klug gewesen, um so etwas zu fordern.. Die italienische Presse erfuhr von der Rede des Pfarrers Steck auf dem Deutschen Volkstag in Sterzing und hob sofort hervor, daß religiöse Angelegenheiten in unberufene Versammlungen hereingezogen wurden. Besonders triumphierend verwies die italienische Presse auf die langen und vergeblichen Bemühungen der österreichischen Regierung bei der Römischen Kurie, um durch diese die Resignation Endricis oder seine Absetzung in irgend einer Form zu erreichen. Daran war, wie wir noch sehen werden, etwas Wahres. Es sickerten eben doch Nachrichten aus dem Vatikan in das königliche Rom ein. Allerdings hat die Römische Kurie aus Vorsicht nicht länger energisch gegen die Verbannung Endricis protestiert; sie hat auch nicht als Vorbedingung weiterer Verhandlungen seine vorherige Rückkehr nach Trient gefordert, wie es die italienische Presse irrig darstellte. Man horcht bei der Nachricht einer italienischen Zeitung auf, nach der die Korrespondenz zwischen dem Trienter Ordinariat und dem Vatikan über die Wiener Nuntiatur keine diplomatische Immunität genießen könne. War damit gefordert oder gar erreicht, daß eine solche Korrespondenz doch von der italienischen Zensur erfaßt und ausgewertet wurde?68). Kehren wir nun zu Endrici nach Heiligenkreuz und vorderhand zum Kultusministerium in Wien zurück. Das Heeresgruppenkommando Feldmarschall Conrad von Hötzendorf wies ständig darauf hin, daß das einzige Mittel zur radikalen Ausrottung des Irredentismus in Südtirol (= Trentino) die endgültige Entfernung Endricis von seinem bischöflichen Sitz in Trient sei, und zwar wegen des Einflusses des Bischofs auf seine Geistlichkeit und wegen des sekundären Einflusses des Klerus auf die Bevölkerung. Es brauche einen neuen, patriotisch fühlenden und denkenden Kirchenfürsten von Trient69). Der Minister Hussarek hat im Juli 1916 versucht, Endrici zu einem spontanen Verzicht auf sein Bistum zu bewegen. Der Hofkaplan und päpstliche Geheimkämmerer Dr. Johann Csiszárik wurde als Abgesandter des Kultusministeriums mehrmals zu ihm nach Heiligenkreuz geschickt. Dieser sollte dazu gebracht werden, motu proprio vom Papst die Bestellung eines Administrators aposto- licus ad interim zu erbitten. Der Bischof solle das vor der Öffentlichkeit mit seiner „angegriffenen Gesundheit“ begründen. Er erspare es dadurch *8) Ich bekam folgende italienische Zeitungen in die Hand, die in den Akten liegen: Corriere della Sera v. 12. Mai 1918. La libertä v. 3. März 1917. Das Bollettino dell’emigrazione adriatica e trentina v. 15. Juni 1917 (alle Geh.Präs. A.Ibk.). Corriere della Sera v. 9. Juni 1918 (Allg.Verw.Arch.). Secolo (Ausschnitt, kein Datum, Okt. 1916 ?). Messaggero v. 16. Juni 1917. Fronte Intero v. 19. Jan. 1918 (alle im Staatsarch.). 69) HGrKdo. Conrad an Kdo.SW. v. 17. Sept. (Endrici-Akten Kriegsarch.).