Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 8. (1955)
BLAAS, Richard: Die Gedächtniskapelle in Queretaro und die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Mexiko
Die Gedächtniskapelle in Queretaro 221 als Mexiko zu verlassen und die Vertretung unserer Interessen dem deutschen Kollegen zu übergeben. Um in den jetzigen schwierigen Zeiten unerwünschte Komplikationen zu vermeiden, würde ich mich gegebenenfalls darauf beschränken, der hiesigen Regierung mitzuteilen, daß ich von meiner Regierung den Auftrag erhielt, mich zur mündlichen Berichterstattung nach Wien zu begeben. Den gleichen Weg müßte ich wohl einschlagen, wenn Cai'ranza und seine Ratgeber ohne bis zum Äußersten zu gehen, es doch für gut befinden sollten, die seinerzeit von der mexikanischen Regierung in Ansehung der Gedächtniskapelle auf dem Cerro de las Campanas eingegangenen Verpflichtungen nicht mehr als bindend zu erachten“111). Jetzt mitten im Kriege hatte man in Wien wahrlich andere und größere Sorgen und war durchaus nicht gewillt, wegen der Kapelle in Queretaro einen diplomatischen Konflikt mit Mexiko heraufzubeschwören, das als eines der wenigen Länder nicht in den Krieg gegen die Mittelmächte eingetreten war. Es wurde daher der Gesandte angewiesen, jeden Konflikt zu vermeiden, auf die Kapelle bezügliche Incidenzfälle möglichst zu ignorieren und ohne vorherige ausdrückliche Instruktion seinen Posten nicht zu verlassen112). Nachdem im Frühjahr 1916 die mexikanische Zentralregierung von Queretaro wieder nach Mexiko verlegt worden war, war auch die Gefahr für die Kapelle geringer geworden. Die mexikanische Regierung gab dann auch tatsächlich dem österreichisch-ungarischen Gesandten auf seine diesbezüglichen Vorstellungen hin bindende Zusagen, die Vereinbarungen über die Kapelle so wie bisher zu beobachten 113). Daher konnte die k. u. k. Gesandtschaft wie in den vorhergegangenen Jahren auch am 19. Juni 1916 das feierliche Requiem ohne Zwischenfall in der Gedächtniskapelle abhalten. Die Kapelle hatte die Wirren gut überstanden114). Auch 1917 konnte der 50. Wiederkehr des Todestages des Kaisers Maximilian in der Kapelle auf dem Glockenhügel gedacht werden 115) und 1918 legte dann zum letzten Mal ein k. u. k. Gesandter als Vertreter des österreichischen Kaiserhauses Kränze an der historischen Stätte in Queretaro nieder110). Die kleine Kapelle auf dem Glockenhügel bei Queretaro ist der versöhnliche Ausklang der mexikanischen Tragödie. Als am 19. Juni 1867 der Vorhang des geschichtlichen Geschehens über den letzten Akt des mexim) Pol. Arch. XXXIV/9, Korrespondenz 1916, Bericht vom 7. Februar 1916. 112) Ebenda, Weisung vom 7. April 1916 via Stockholm. 118) Ebenda, Bericht nr. 7 vom 6. Mai 1916. 114) Ges. Arch. Mexiko, Trauergottesdienst 1916. 115) Ebenda, Trauergottesdienst 1917, Bericht vom 27. Juni 1917 „Unter Anschluß der einschlägigen Reisepartikularien melde ich, daß ich am 19. Juni d. J. dem 50sten Sterbetage weiland Seiner Majestät des Kaisers Maximilian von Mexiko in der Gedächtniskapelle am ,Cerro de las Campanas' bei Queretaro einen Trauergottesdienst lesen lassen und demselben mit dem Kanzleisekretär Korowitschka beigewohnt habe.“ 110) Ebenda, Trauergottesdienst 1918. Bericht vom 25. Juni 1918.