Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 8. (1955)

BLAAS, Richard: Die Gedächtniskapelle in Queretaro und die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Mexiko

218 Richard Blaas des Abschlusses der Verhandlungen seinen Dank abzustatten89). Dieser Optimismus erwies sich als zu voreilig, da immer wieder neue Schwierig­keiten auftauchten. Der Gouverneur von Queretaro machte gegen die von Regierungsseite geplante Expropriierung verfassungsrechtliche Bedenken geltend und regte seinerseits an, die Regierung solle nicht den ganzen Cerro, sondern nur den Kapellengrund mit einem winzigen Geländestreifen rund um die Kapelle herum kaufen99 100). Santiago Jimeno war nach den letzten ergebnislosen Besprechungen im Sommer 1907 verärgert auf seine Be­sitzungen nach Kalifornien abgefahren. Alle diese neuerlichen Verschlep­pungsversuche veranlaßten Baron Giskra, eine schärfere Tonart anzuschla­gen und mit diplomatischen Weiterungen zu drohen. Er war dazu gedrängt worden, weil man ihn aus Wien wissen ließ, daß man nicht in die Lage kommen möchte, dem Kaiser melden zu müssen, daß es auch diesmal nicht gelungen sei, die Kapellenaffaire zu finalisieren 101). Im November 1907 begannen endlich die entscheidenden Verhandlungen zwischen Frh. v. Gis­kra, Unterstaatssekretär Algara und dem Grundbesitzer Jimeno102). Diese letzte Phase der Verhandlungen verlief äußerst dramatisch und die Be­sprechungen wurden in Schwung gehalten durch die von Giskra herauf­beschworene Möglichkeit seiner Abberufung im Falle eines neuerlichen Fehlschlages. Dieser seiner festen Haltung war es zu danken, daß 99) In dem Vortrag vom 22. Oktober 1907 wegen Finalisierung der Verhand­lungen über die Regelung der Rechtsverhältnisse an der Kapelle in Queretaro und wegen Allergnädigster Verleihung einer Nippe an den Grundbesitzer San­tiago Jimeno wurde vom Kaiser der Entwurf einer Weisung an den k. u. k. Ge­sandten in Mexiko gebilligt, in der die endgültige Lösung der Kapellenfrage nunmehr von der österreichisch-ungarischen Regierung verlangt wird, „Excellenz wollen daher bei der nächsten Gelegenheit dem Herrn Minister des Äußeren in meinem Namen erklären, daß ich mich der bestimmten Erwartung hingebe, daß die mexikanische Regierung endlich Mittel und Wege finden wird, diese Ange­legenheit in absehbarer Zeit zu finalisiren.“ Diese Weisung ist aber nicht mehr expediert worden, da Frh. v. Giskra in einem Telegramm vom 23. Oktober bereits die bevorstehende Finalisierung melden zu können glaubte. Davon wurde der Kaiser durch Immediat-Vortrag vom 29. Oktober 1907 verständigt und der Ge­sandte beauftragt, dem „Präsidenten für bezeigtes Entgegenkommen den Aller­höchsten Dank persönlich auszusprechen“ (vgl. Pol. Arch. XXXIV/9 a. a. O.). 10°) Pol. Arch. XXXIV/9 a. a. O. Privatschreiben Giskras an Frh. v. Ähren­thal vom 7. Nov. 1907. „Schon die erste Anregung, die des Kaufes, stellt eine nicht allzu schwer zu durchschauende chauvinistische Intrigue dar, da man ja nicht etwas kauft, das man selbst (durch den Strohmann Kaska) bauen ließ und ganz bezahlte. Es soll eben einfach — wie Herr Cosio offenbar meint — die zusammengedichtete Fiktion thunlichst aufrechterhalten werden, daß die Kapelle ,von den Österreichern erbaut worden sei“ ...“ 101) Ebenda,Privatschreiben des Min.-Rates Frh. v. Biegeleben an Giskra vom 30. Nov. 1907 als Antwort auf das in Anm. 100 zitierte Schreiben. 102) Ebenda, Memorandum über die von Anfang November bis Mitte De­zember 1907 geführten auf den Kapellenerwerb durch die mexikanische Regie­rung abzielenden Verhandlungen — Beilage zu Bericht Nr. 33 A vom 26. Dez. 1907.

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