Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)
REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv
Rezensionen 437 Mitteleuropa verhindert hätte, von den Amerikanern jedoch abgelehnt worden sei. Der britische Staatsmann war fair genug, persönlich die amerikanische Politik und Kriegführung gegen diese weitverbreitete Legende in Schutz zu nehmen. An scharfer Ablehnung des Nationalsozialismus läßt der Verf. heute nichts mehr zu wünschen übrig. Auf den friderizianischen Charakter des „Dritten Reiches“ wird ebensowenig Wert gelegt, wie auf die Feststellung, daß das Bismarckreich eine notwendige Vorstufe zum Staat Adolf Hitlers gewesen sei. Auch den großdeutschen Gedanken bezeichnet M., der 1936 in einer Selbstanzeige nicht ohne Selbstgefälligkeit darauf hinwies, daß ein Buch von ihm in Österreich verboten wurde, als für alle Zeiten diskreditiert und seine Ausführung als unmöglich. Allerdings meint er, daß ein Anschluß Österreichs gleich nach 1918 die moralische Kraft der deutschen Demokratie und die demokratischen Elemente im Reich (Sozialdemokraten und Zentrum) dermaßen gestärkt hätte, daß der Aufstieg Hitlers später in Frage gestellt gewesen wäre ... Wenn man österreichischerseits noch manchen Einwand Vorbringen könnte, so muß man doch billigerweise den grundlegenden Wandel feststellen, den dieses reife und gedankentiefe Werk bedeutet; einen Wandel, der umso erfreulicher ist, als er gerade von dieser Seite kommt. Es wäre zu wünschen, daß das vorliegende Buch hüben und drüben mit beitrüge zur Wiederaufnahme des Gesprächs, nachdem sich die gesamtdeutsche Geschichtsauffassung unter dem Eindruck eines unheilvollen Zeitgeschehens als zu wenig tragfähig erwiesen hat. Rudolf Neck (Wien). F r a n z e 1 Emil, Geschichte unserer Zeit, 1870—1950. Verlag von R. Oldenbourg, München 1951. 496 Seiten, 2. Auflage, München 1952 (mit Verbesserungen). Das Werk erhebt (nach den Ausführungen auf der Umschlagseite) den Anspruch, „das Dynamische, das Werdende, das Vorwärtsdrängende, nicht das Statische, Festgefahrene“ darzustellen; es soll „das Geschehene in seinen Ursprüngen, in seinen Bedingtheiten und allen seinen Zusammenhängen untersucht und ausgebreitet“ werden. „Die äußeren Geschehnisse sind Richtzeichen, nach denen die geistigen, künstlerischen, wissenschaftlichen, sozialen und technischen Bewegungen in ihren wichtigen Repräsentanten orientiert werden — Politik als Niederschlag tieferer Strömungen.“ Diese sehr, wenn nicht allzuweit gespannten Prätensionen modifiziert der Verfasser im Vorwort (S. 9) dahingehend, daß er dem Leser „einen Ausweg aus der unwirtlichen, beinahe wüsten Gegend“ — darunter versteht er die Gegenwart und die vorauf gehenden Jahrzehnte — zeigen will, der ihn dazu anregen soll, darüber nachzudenken, „ob das Zeitalter der Nationalstaaten zu Ende, ob Kultur, Recht und Freiheit mit Vermassung vereinbar sind“; er will dazu beitragen, den fatalen Kreis der Hegelschen „Geschichtsphilosophie, die über Marx, Lenin, Sorel, Pareto, Mussolini, Nietzsche und Hitler Geschichte gemacht hat“, zu überwinden, und so die Geschichte als „Lehrmeisterin des Lebens“ neu zu konstituieren. Die Problematik einer Geschichtsdarstellung, die bis in die unmittelbare Gegenwart reicht, ist zwangsläufig gegeben. F. hat ihr mit Erfolg auszuweichen versucht, indem er auf den Anspruch der Objektivität von vorn-