Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv

Rezensionen 417 treffend charakterisiert hat1). Die „Große Revolution“ wird zu sehen versucht als Prototyp der Revolution, eine Betrachtungsweise, die viele bedeutende Einsichten in die „Verwandtschaft“ der französischen Re­volution mit den revolutionären Akten späterer Jahrzehnte in aller Welt ermöglicht, aber doch durch die Herausstellung des Typischen die Dar­stellung des historischen Ablaufes in den Hintergrund treten läßt; es wer­den auch Ereignisse, bei denen das nicht angebracht erscheint, ihres einmaligen, aus der Situation erwachsenen und unwiederholbaren Charak­ters entkleidet. Dieses Bestreben offenbart schon der Titel des Werkes und die einzelnen Kapitelüberschriften, die — offenbar absichtlich — jede Benennung nach den historischen Ereignissen vermeiden und genau so in einem Handbuch über die Revolution im allgemeinen stehen könnten. Auch in der Darstellung selbst kommt in Parenthesen innerhalb sehr farbig geschriebener Abschnitte über den historischen Ablauf diese methodische Grundeinstellung des Autors immer wieder zum Ausdruck (z. B. II, S. 170: „Und beim genauen Hinsehen zeigt es sich, daß bestimmte Typen von Menschen allen Zeiten angehören und nur die Hüllen wechseln“, II, S. 385: „Wie sehr fühlt man sich, verfolgt man diese Bestrebungen weiter, in eine andere Zeit versetzt“, u. a. m.). Hierher gehören auch die allzu sehr auf ihre Rolle innerhalb des revolutionären Geschehens zugeschnittenen, unter dem Eindruck der von ihnen vertretenen politischen Ideologien oft allzu positiv gezeichneten Charakterbilder der führenden Männer, besonders des Terrors. Die typisierende Darstellungsmethode erlaubt andrerseits eine unmittel­bare Beziehung zu in der Gegenwart Erlebtem und damit überraschend tiefe Einsichten, namentlich in „metahistorische“ Phänomene: „die Große Furcht“ (I, S. 369 ff.), die geistige Umstellung von der konstitutionell monarchischen zur republikanischen Ideologie, die „Bildung des politischen Willens“, vornehmlich durch die umgebildeten Institutionen der Klubs und der Presse (II, S. 106 ff.), den Übergang von einem radikalen Pazifismus zur Bejahung der neuen Form der revolutionären „Volksarmee“, die stufen­weise Steigerung der einzelnen Phasen des Terrors, die Auswirkungen des „Maximumgesetzes“ und der Inflation u. a. Der 2. Band findet mit der Darstellung der Ereignisse des 9. Thermidor seinen Abschluß; der 3. Band soll den Titel erhalten „Zwischen zwei Dikta­turen. Von Robespierre zu Napoleon“ und der 4., wie schon erwähnt, eine Quellen- und Literaturzusammenstellung bringen. Eine Stellungnahme über den oben gegebenen Versuch einer Charakterisierung des Werkes hinaus möge daher einer zusammenfassenden Besprechung Vorbehalten bleiben. Abschließend seien noch einige Stellen vermerkt, an denen Wider­sprüche, Druckfehler oder unannehmbare Formulierungen stehen geblieben sind: Bd. I, S. 36 „Nawarra“ (für Navarra), S. 94 „selbt“ (für selbst), S. 133 „einer“ (für eines), „verrufendsten“ (für verrufensten), S. 135 „nicht allen von ihnen traf es eine einträgliche Sinecure“ (für trug), ') Dallo Storicismo alia Sociologia, 1938. In deutscher Übersetzung von Walter Goetz: Vom Historismus zur Soziologie, Stuttgart 1950; vgl. dazu Otto V o s s 1 e r, HZ, 173. Bd. (1952), S. 108 ff., und Otto Brunner, MIÖG, 59. Bd. (1951), S. 485 f. Mitteilungen, Band 5 27

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