Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881

232 Ferdinand Hauptmann 173) Stenographische Protokolle des Abgeordnetenhauses, IX. Session, Sitzung vom 27. III. 1882. 174) Singer: Verträge, S. 71. 17«) cf. Anm. 173. 176) Ibidem. Die Wirkung des Vertrages in Serbien war trotzdem sehr mäßig. Den Bedürfnissen des Bauern entsprach er zwar vollkommen, aber auf die „öffentliche Meinung“ verfehlte er den Eindruck. Sie erkannte nicht das große Entgegenkommen Österreichs, teils weil sie den Vertrag vom protektionistischen, teils rein nationalistischen Standpunkt betrachtete. Selbst die Radikalen wurden ihrem Programme untreu, die bäuerlichen Interessen zu fördern, und griffen den Vertrag ebenfalls an. Stojanovic K.: Govori i rasprave politicko-ekonomske, Bd. I. Belgrad 1910. S. 123 f., ist ebenfalls der Auffassung, daß besonders die Grenzverkehrs­begünstigungen für Serbien schädlich waren und daß sie das Land wirtschaftlich zu einer österreichischen Provinz herabdrückten. Die großen Grenzverkehrs­begünstigungen bedeuteten nämlich nach seiner Meinung eine Stagnation für die serbische Volkswirtschaft, die sich aus diesem Grunde durch 10 Jahre nur auf drei Ausfuhrartikel beschränkte: Vieh, Obst und Lebensmittel. Österreich dagegen konnte unter dem Schutze des Grenzverkehres die industrielle Kon­kurrenz des Westens in Serbien ausschalten (cf. dazu auch Mandl, a. a. 0., S. 43 ff.). Waren ohnehin schon starke Kräfte in Serbien am Werke, um den Wert des Handelsvertrages zu vermindern, so gesellte sich ihnen noch die deutsche Han­delspolitik hinzu. Bismarck hatte immer streng zwischen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen unterschieden. So konnte er in engsten politischen Be­ziehungen mit Rußland oder Österreich sein, was ihn aber keineswegs hinderte, gegen diese Staaten fast einen Wirtschaftskrieg zu führen oder wenigstens halb- bis ganz vertraglose Zustände zu dulden, obwohl, was das deutsch-öster­reichische Verhältnis betraf, Bismarck und Andrássy im Entwürfe zum Bündnis von 1879 übereingekommen waren, „die wohltätigen Folgen ihrer innigen Be­ziehungen den Völkern der beiden Reiche durch die besondere Pflege ihrer nach­barlichen Verkehrsverhältnisse sowie durch den Abschluß neuer Handelsverträge zugute kommen zu lassen ...“ (GP III, Nr. 483). Erst seinem Nachfolger Caprivi blieb es Vorbehalten, den politischen Be­ziehungen auch entsprechende wirtschaftliche folgen zu lassen. Während der Kanzlerschaft Bismarcks aber arbeitete Deutschland auf han­delspolitischem Gebiete direkt gegen seinen österreichischen Verbündeten in Serbien; es konkurrierte ihm immer mehr bei der Einfuhr nach Serbien, ohne zu bedenken, welchen politischen Schaden es damit Österreich zufügte. Man kann die serbische Einfuhr aus Deutschland nicht genau erfassen, da die österreichischen Transitzahlen unter deutscher Ware auch jene Gegenstände beinhalten, die durch deutsche Vermittlung vom Westen zur Durchführung nach Serbien gelangten. Entschieden war bei solchen Ziffern jedoch der Prozentsatz der deutschen Waren der größte. Wie die Einfuhr fremder Waren nach Serbien rapid stieg, zeigt folgende Statistik (1879, 1880, 1881): Gesamteinfuhr 29,975.905 37,759.798 53,371.330 kg Einfuhr aus Österreich-Ungarn 22,678.415 27,613.305 34,804.805 kg Transit durch Österreich-Ungarn 7,297.490 10,146.493 18,566.525 kg (Mittheilungen der k. und k. Consulatsbehörden, Jg. X. Wien 1882, S. 498). Im Jahre 1884 aber war Deutschland allein (ohne den Westen) an der ser­bischen Einfuhr schon mit 14,9% beteiligt! Allerdings fiel diese Ziffer 1885 wieder auf 4% (Nestorovic, a. a. O., S. 133).

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