Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 4. (1951)
GOLDINGER, Walter: Archivwissenschaftliche Literatur der Jahre 1948–1951
Rezensionen 307 Zeitläufen oft vernichtet oder zu schwer deutbaren Fragmenten verstümmelt; für weite Gebiete können die oft Jahrhunderte umfassenden Lücken der schriftlichen Überlieferung nur durch Rückschlüsse aus den auch nicht eben reichen archäologischen Funden oder aus philologischen, kunsthistorischen, rechtlichen und volkskundlichen Tatbeständen überbrückt werden. Die Quellen liegen meist, wenn sie überhaupt publiziert sind, in modernen Anforderungen nicht entsprechenden Veröffentlichungen vor, zum Teil an schwer zugänglichen Orten. Das letztere gilt auch von der Literatur, deren umfangreiche Einbeziehung für den Autor einer zusammenfassenden Darstellung der Geschichte Südosteuropas bei der Vielfalt der Einzelprobleme, deren unmittelbare Erforschung die Leistungsfähigkeit eines Gelehrten weit übersteigt, eine unbedingte Notwendigkeit ist; wie die Vielzahl von Sprachen, in denen sie abgefaßt ist, eine enzyklopädische Sprachbeherrschung, erfordert die Diskrepanz der vorgebrachten Meinungen und Urteile — bedingt nicht nur durch die inneren Gegensätzlichkeiten des „Vielvölkerraumes“ Südosteuropa, sondern auch die Verklammerung der Interessengegensätze der großen Weltmächte in dem „Wetterwinkel“ Europas — die noch wichtigere Fähigkeit eines leidenschaftslosen Abwägens und möglichst objektiven historischen Wertens. Die staatliche Zugehörigkeit zeitweise fast ganz Südosteuropas und bis vor wenigen Jahrzehnten noch beträchtlicher Teile desselben zum osmani- schen Reich verhinderte lange die Erkenntnis, daß es sich hier um ein Thema der europäischen Geschichte, u. zw. um ein wesentliches, handelt. Es ist klar, daß trotz der aufopfernden, mühevollen Forschungsarbeit der Gelehrten vieler Staaten — es sei hier neben den in Südosteuropa ansässigen Nationen, deren Forscher, speziell in älteren Publikationen noch unter dem Eindruck der erst vor kurzem errungenen und immer wieder bedrohten nationalen Autonomie stehend, immer mehr wissenschaftlich objektive, wertvolle Beiträge zur Verfügung stellen, in erster Linie der Leistungen französischer, deutscher, russischer und österreichischer, aber auch englischer, italienischer und belgischer Historiker gedacht — die Tradition der Geschichtsschreibung Südosteuropas nicht an die Höhe der west- und mitteleuropäischen heranreicht. Die in ihrem umfassenden Gesichtswinkel erste Gesamtdarstellung der Geschichte Südosteuropas, wie sie in dem hier zu besprechenden Werk Georg St.s vorliegt, muß daher die Hypothek vieler nicht oder unbefriedigend gelöster Teilprobleme auf sich nehmen. Der wissenschaftliche Mut des Autors ist bewundernswert, der es unternahm, die diffizile Materie, bei der die technische Bewältigung der Quellen und der Literatur allein universelles Wissen und eine gewaltige Arbeitsleistung voraussetzt, in einem Werk zusammenzufassen. Er vollbringt hiemit auf dem Gebiet der Geschichte Südosteuropas eine Vorarbeit zu der großen Aufgabe der europäischen Historiker, die Geschichtswissenschaft aus der Enge nationaler Beschränkung herauszuführen und weiterzuleiten zu dem Ziel einer universal-europäischen Betrachtungsweise, wie sie auch auf anderen Teilgebieten schon glücklich in Angriff genommen wurde. Die folgenden kritischen Einwände sollen darum der positiven Wertung des Gesamtwerkes keinen Abbruch tun; es wird erstrebt, auch in ihnen dem Anliegen der Förderung universal