Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift
CORETH, Anna: Dynastisch-politische Ideen Kaiser Maximilians I.
88 Anna Coreth Alexander von Roes, dem kaiserlichen Publizisten des 13. Jahrhunderts, Karl der Große Imperatorum Grecorum consanguineus genannt; er ist in direkter Linie de Grecorum, Romanorum et Germanorum germine hervorgegangen 1). Bei den mittelalterlichen Schriftstellern hatte die Betonung der griechischen Ahnen den Zweck, die translatio imperii von den Griechen auf die Deutschen zur Zeit Karls des Großen zu rechtfertigen. Wenn nun Maximilian sich von griechischen Ahnen herleitete, so sollte dies einer neuen Translation des östlichen Kaisertums auf den Westen als Basis dienen. Ganz ausdrücklich bezeichnete einmal der Kaiser oder sein Geschichtsschreiber Mennel sein Haus als die griechische Linie, und zwar in einer eigenartigen Darstellung am Ende des ersten Buches der erwähnten „fürstlichen Chronik“ 2) (Abb. 1), worin sich ganz naiv und doch sprechend die Verschiebung und Umdeutung des mittelalterlichen dualistischen Weltbildes im dynastisch-humanistischen Sinne zeigt. Über mehrere Blätter hin läuft an einem gemalten Baumstamm eine eiserne Kette herunter, oben sitzt ein bunter Pfau als Symbol des österreichischen Hauses; sie beginnt mit Hector von Troja in Kriechen und endet mit den Enkeln Maximilians und wird kühn die linea Grecorum genannt; es ist die habsburgische Vorfahrenschaft. Rechts vom Stamme aber läuft parallel eine silberne Kette herab, als linea Latinorum bezeichnet, gekrönt durch die Figur ains Haiden, sie umfaßt von Romulus an die hunig, regenten und rät des alten Rom, dann die römischen Kaiser, bezieht sich also auf die Herkunft des Kaisertums selbst. Zur Linken des Stammes läuft eine goldene Kette, die linea Hebreorurn, die von König Boos herab das Geschlecht der Juden darstellt, davon Cristus, unser lieber herr, unnd nachmals durch sein gütliche Schickung die hailgen vätter, die Bäpst entsprungen sind 3). Zwischen der päpstlichen und der kaiserlichen Regentenkette, die als Zeitweiser dienen sollen, steht fest der Stamm des Hauses. Die Symbolik der Metalle der Ketten ist aus dem mittelalterlichen Sonne- Mondgleichnis übernommen. Es ligt am tag, schreibt Mennel erklärend zu der Darstellung, das die zwey metall als gold unnd silber, die aller obersten unnd edelsten metalla oder geschmid sind, darumb sy gegen den Sternen in den himeln, nemblich das gold der Sonnen unnd das silber dem mon vergleicht werden. So ist zwischen den selben himeln uff dem ertreich das gold dem höchsten statt (= stand) der gaystlichen unnd 1) Ausgabe von Grundmann, S. 25 f. 2) Cod. Vind. 3072 *, fol. 44 ff. 3) Ebenda, fol. 64'.