Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift

GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom

116 Walter Goldinger konstitutionellen Ideen infiziert sei und wie weit ihr als Widerstand gegen den nivellierenden Liberalismus (Beamtenregiment) Bedeutung zukomme. Deshalb seien auch die Liberalen in Österreich Feinde dieser ungarischen Opposition, sie wollten neben dem Bürokratismus eine Konstitution. Man müsse sich also mit landeskundigen Männern beraten, am besten wäre zunächst einer den Beratungen der Minister­konferenz beizuziehen. Allerdings seien Bedingungen zu stellen. Ein Widerruf der Selbständigkeit der Woiwodina sei angesichts der von den Serben geleisteten Dienste unmöglich, gegen die Berufung eines ungarischen Landtages bestehe kein Einwand. Nur dürfe dieser nicht nach einem modernen repräsentativen Wahlsystem nach Kopf­zahlen zusammengesetzt werden, keine magyarische Nationalitäten­politik, keine Alleinherrschaft der ungarischen Sprache sei zu dulden. Graf Wolkenstein, dem ebenfalls dieses Elaborat zur Kenntnis kam, äußerte sich dazu in dem Sinne, daß in Ungarn die Idee von der staatsrechtlichen Integrität des Landes, die im Grunde berechtigt und konservativ sei, die unorganisch-revolutionäre Nationalidee überwiege. Ungarn werde man nur mit Gewalt niederwerfen können. Diese muß aber einmal ein Ende nehmen. Was dann ? Und darauf spricht Wolkenstein eine sehr hellsichtige, von politischem Instinkt zeugende Befürchtung aus. Mit Hilfe des deutschen Liberalismus werde der Kampf vielleicht durchzuführen sein, aber diese Hilfe werde der Dynastie teuer zu stehen kommen, ob man nämlich die erwachten und wachgerufenen liberalen Elemente wieder zur Ruhe bringen wird ? — Der Ablauf der weiteren Phasen der österreichischen Verfassungsgeschichte hat diese von einem konservativ-dynastischen Standpunkt aus gesehene Befürchtung vollauf bestätigt. In der Antwort des Grafen Clam, die aus Smecna vom 20. November datiert ist, bedauert er das Laxenburger Manifest, in dem Reformen versprochen seien, ehe man überhaupt gewußt habe, wie solche beschaffen sein sollten. Er erblickt das Heil und die letzte Chance, aus den Zuständen der letzten 10 Jahre, die zum Zerfall und zur Revolution führen müßten, herauszukommen, in der Rückkehr zu e nem organischen Aufbau, der weiterer Entwicklung fähig sei, in der Aufspaltung der beiden Seiten der ungarischen Bewegung, der national-revolutionären und der politisch-konservativen. An der Frage der Woiwodina dürfe eine Verständigung nicht scheitern. Schlägt man diese Bahn nicht ein, so bleibe nur mehr der Weg zu einer Napoleonischen Gewalt­herrschaft oder zum Konstitutionalismus. Dieser Gedanke kehrt mehrfach in den Meditationen Thuns wieder, der diese Ansicht auch

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