Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift

GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom

110 Walter Goldinger werden . . ., die versichern werden, daß sie es ganz anders machen würden, wenn ihnen nur nicht die Hände durch andere gebunden wären“ 1). Wie vorgesehen, scheinen die Beratungen zunächst nur zwischen Rechberg und Thun stattgefunden zu haben, wogegen Bruck heftig Protest erhob 2). Der Kreis erweiterte sich alsbald durch die Bei­ziehung Hübners und des Grafen Wolkenstein. Am 28. Juli, dem Tage, von dem das Rücktrittsgesuch Bachs datiert ist, fand eine Konferenz der genannten vier Persönlichkeiten beim Kaiser statt 3), in der die Grundzüge des Programms, so weit es bereits vorlag, erörtert wurden. Offen war noch die Frage über die ständischen Einrichtungen, die als Übergang zu einem Selfgovernment dienen sollten und als Voraussetzung für alle weiteren Maßnahmen die Bereinigung der ungarischen Frage. Franz Joseph stellte dabei den Grundsatz auf, man müsse sich vor allem darüber klar werden, wie weit man gehen wolle. Er erblickte eine Schwierigkeit darin, wenn ein neuer Ver­waltungsorganismus, eben das von den Adelskreisen angestrebte Selfgovernment geschaffen werden sollte, die Grenze zu finden, von wo an die Beamten kaiserlich sein sollten. Auch stehe man vor der Notwendigkeit, alsbald ein finanzielles Resultat zu erzielen. Notabeln- versammlungen in den einzelnen Ländern zu berufen, an die bestimmte Fragen über die neue Verwaltungsorganisation gerichtet werden sollten, werde in Ungarn nicht möglich sein. Auch müßten Woiwodina und Banat gesondert behandelt werden. In den Beratungen, die in den ersten Augusttagen fortgesetzt wurden, trat von da ab der Graf Heinrich Clam-Martinitz immer stärker hervor. Die Frage des Selfgovernments bot aber weiter große Schwierigkeiten und ließ keine einheitliche Auffassung hervortreten. In dreifacher Weise waren die Ansichten geteilt. Wolkenstein befür­wortete ein möglichst weitgehendes Zurückgreifen auf die Einrichtungen des vormaligen Patrimonialwesens. Rechberg hielt das aus politischen Gründen für sehr gefährlich, ja für unmöglich. Clam trat für von unten aufgebaute, sich selbst verwaltende, autonome Organe ein. Er warnte jedoch davor, ein solches Selfgovernment auf eine zersetzte und atomisierte Gesellschaft anzuwenden, das würde einen inneren b D 101. 2) Briefe Brucks vom 4. August 1859 an Rechberg. Nachlaß Rechberg, a. a. O., Fasz. 524, g 1. 3) Die Protokolle dieser und der folgenden Konferenzen im Nachlaß Rechberg, a. a. O., Fasz. 524, g 1. Vgl. auch Nachlaß Thun: D 535.

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