Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 2. (1949)
Festfeier des Österreichischen Staatsarchivs aus Anlaß des 200jährigen Bestandes des Haus-, Hof- und Staatsarchivs am 21. und 22. September 1949
Ansprache d. Herrn Yizepräs. d. Akademie d. Wissenschaften 45 Geschichte“, in deren stattlichen Reihen von Bänden eine imposante Forschungsarbeit aus archivalischen Quellen niedergelegt ist. Aber auch viele andere Unternehmungen der Akademie, wie z. B. die Sammlung und Herausgabe der österreichischen Weistümer und Urbare, die Anlage eines historischen Atlasses der österreichischen Alpenländer, die Edition der österreichischen Chronik des Wiener Professors Thomas Ebendorfer und der Briefe des Aeneas Silvius Piccolomini gehen auf diesen Plan zurück. Während der ganzen Dauer ihres Bestandes hat die Akademie der Wissenschaften immer wiederum die bedeutendsten Männer wissenschaftlicher Forschung unter den Beamten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs in den Reihen ihrer Mitglieder gehabt, die durch Veröffentlichungen und durch Mitarbeit in den historischen und verwandten Kommissionen der Akademie und ihren Forschungsarbeiten unvergängliche Dienste geleistet haben. Es sei hier nur, um einige der großen Namen zu nennen, hingewiesen auf eben jenen Joseph Chmel, den weitblickenden Initiator historischer Forschungsarbeit in unserer Akademie, auf Alfred von Arneth, der als Yizedirektor und Direktor des Archivs durch fast 40 Jahre an den historischen Arbeiten der Akademie führend beteiligt war, auf Gustav Winter, gleichfalls Direktor des Staatsarchivs, dem ein Hauptanteil an dem Unternehmen der Herausgabe der österreichischen Weistümer gebührt, auf Hans Schiitter, auf Oswald Redlich, der, wenn auch nur kurze Zeit, so in den schweren Monaten nach dem ersten Weltkrieg, seine reiche Erfahrung und sein Geschick in der Führung von Verhandlungen dem österreichischen Archiv wesen zu seiner Rettung zur Verfügung stellte. Heute ist in der Verbindung der drei Funktionen des Obmannes der historischen Kommission unserer Akademie, des Vorstands des Instituts für österreichische Geschichtsforschung an der Universität und des Generaldirektors des österreichischen Staatsarchivs durch Professor Santifaller die Gewähr einer festen und zielsicheren Vereinigung der historischen Forschung in Akademie, Staatsarchiv und Universität gegeben. Als regionale und repräsentative wissenschaftliche Körperschaft Österreichs hat die Akademie der Wissenschaften zu allen Zeiten ihres Bestandes es als eine ihrer Hauptaufgaben betrachtet, dem Lande Österreich eine Darstellung seines physischen und geschichtlichen Seins, seiner Landschaft, Bodenschätze und wirtschaftlichen Möglichkeiten und insbesondere seiner geschichtlichen Überlieferungen und kulturellen Leistungen zu schaffen. Niemals aber war es für das österreichische Volk und das Land Österreich so notwendig, ein auf unbestechlicher Wahrheitsfindung beruhendes Bild seiner Geschichte und damit ein aus zuverlässiger Kunde seiner geschichtlichen Überlieferungen geschöpftes Geschichtsbewußtsein zu gewinnen, als eine, wenn auch nicht die einzige, aber eine unerläßliche Grundlage eines österreichischen Staatsbewußtseins. Wer solcherart die Geschichte Österreichs betrachtet, dem hebt sich aus ihrem Verlaufe die Einsicht heraus, daß diese Länder, die das heutige Österreich bilden, in allen wechselnden Großraumgestaltungen eine immer wieder zusammenstrebende Einheit bildeten und daß schon seit dem 11. Jahrhundert von einer österreichischen Kultur gesprochen werden kann, die in bestimmten Epochen der Folgezeit immer wieder zu bedeutsamen Gestaltungen geführt hat.