Fekete Ludwig: Türkische schriften aus dem Archive des Palatins Nikolaus Esterházy (Budapest, 1932)

Einleitung

lässt sich — abgesehen von den Eigentümlichkeiten des orientalischen Stils — vor allem damit erklären, dass Standesvorurteile im Türkischen Reiche unbekannt waren und die gesellschaftlichen Klassen, soferne überhaupt solche bestanden, nur durch niedrige Trennungsmauern von­einander geschieden wurden. Rang und Macht waren nicht von Dauer. Amtsstellen wurden bloss für kurze Zeit vergeben; jeder konnte das Amt, das er heute bekleidete, binnen kurzem wieder verlieren, und vielleicht wurde er dann gerade dem unterstellt, der heute noch unter ihm Dienste machte. So konnte sich z. B. der gewesene Bejlerbej von Rumelien nur ein Amt verschaffen, in dem er dem Pascha von Ofen, seinem früheren Untergebenen, unterstellt wurde. Der Beamte nahm sich nach Ablauf seiner Dienstzeit in grosser Demut „den Mantel der Absetzung" um und breitete „den Teppich der Geduld" vor sich auf. Kluge Leute behandelten also jüngere Beamte von niedrigerem Range niemals hochmütig, sondern waren jedem liebevoller „Bruder" oder sogar „Diener". Wie bereits erwähnt, stossen wir in diesen Briefen auf die ver­schiedensten Themen. Sie enthalten zahlreiche Daten, die sich auf das gegenseitige Verhältnis und die Funktion verschiedener staatlicher Organe beziehen. Wir erfahren z. B., an welche Bedingungen die Erwerbung und Beibehaltung eines Lehens gebunden war, unter wel­chen Umständen und auf welche Weise die Verleihung oder die Ent­ziehung eines Lehens vor sich ging. — Im Zusammenhang mit der Einkerkerung der Defterdars von Eger erfahren wir, wenigstens teilweise von Missbräuchen, die bei der Anwerbung von Söldnern — nefer jazilmak — und bei der Auszahlung des Soldes im dortigen Finanzamt vorgekommen sein sollen. Diese Vorfälle — die übrigens zu einem lokal gefärbten Janitscharenaufstand geführt haben — werden aus 4—5 Briefen ersichtlich, leider aber immer in der einseitigen Beleuchtung bloss der einen interessierten Partei. — Wieder aus anderen Schriften erfahren wir, dass der Ofner Pascha in Konstanti­nopel ständig einen Schreiber oder Agenten, gewissermassen als Ver­bindungsmann zwischen ihm und der Regierung, gehalten habe. Dieser Agent war früher auch schon bei anderen in ähnlicher Stellung tätig gewesen, seine Verwendung war also ebenso wenig dauernd, wie die der übrigen Zivilbeamten. — Die acht Ernennungsdiplome für den aus Kastamuni stammenden Kadi Sükr-ulläh lassen erkennen, wie sich ein Richter, während seiner Verwendung in Iznik, Rodosto und in Berat in Albanien bis zu seinem Amtsantritt in Hatvan, im nördlichen

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