Fekete Ludwig: Türkische schriften aus dem Archive des Palatins Nikolaus Esterházy (Budapest, 1932)

Einleitung

samen Familiennamens fremd nebeneinander, so als ob es zwischen ihren Trägern überhaupt keine nähere Verbindung gäbe. Dass Leute untereinander verwandt sind, ist aus ihren Namen allein nicht ersicht­lich und wir wissen es nur dann, wenn irgendwo darüber geschrieben wird. Auch ist nicht jeder beliebige Hinweis darauf hinreichend. Im Türkischen gebraucht man nämlich einzelne verwandtschaftsbezeich­nende Ausdrücke, wie oglum „mein Sohn", karindasim „mein Bruder", nicht nur zur Bezeichnung der Blutsverwandtschaft, sondern sehr häufig auch bloss als Kose- oder Schmeichelworte. 1 Es sind daher Daten und weitere Aufklärungen darüber nötig, ob man die Verwandt­schaftsnamen im ursprünglichen oder bloss im weiteren übertragenen Sinne gebraucht hat. Die Daten, die uns die Gruppe der auf Ibrahim Pascha bezüg­lichen Briefe geliefert hat, können als Beispiele dafür dienen, wie sehr türkische Privatbriefe zur Erweiterung unserer Kentnisse bezüglich des türkischen Lebens in Ungarn geeignet sein können. Die Privatbriefe bieten, da ihre Schreiber sich mit den Angelegenheiten, mit den täg­lichen Sorgen und Anliegen verschiedenster Personen und Familien befassen, einen besonders mannigfaltigen und bedeutend bunteren Stoff kreis als die offiziellen Briefe und amtlichen Noten und ermög­lichen demzufolge die Erforschung vieler Fragen, zu denen wir an­derswo kein entsprechendes Quellenmaterial finden würden. Auf den ersten Blick überraschen diese Briefe den an europäische Quellen und Formeln gewöhnten Leser durch ihre untertänige Sprache. Nach einer sehr ehrfurchtsvollen Anrede beginnen sie mit der Formel, dass der Schreiber sein Antlitz „im edlen Fusstaub" des Adressaten „reibe" und diesen, falls er geruhe, sich für seine „nichtseiende" Person Zu interessieren, als „seinen Sultan" flehentlichst darum bitte, gnädigst zur Kenntnis nehmen zu wollen, dass er (der Briefschreiber) Tag und Nacht mit Gebeten für die Gesundheit des Adressaten zubringe und sich sehr nach einem Wiedersehen mit ihm sehne. Wer in höherer Stellung dient, erachtet es als seine Pflicht, zu berichten, dass er nicht damit auf­höre, auch für seinen Herrn, den Padischah, Tag und Nacht zu beten. Ebenso untertänig ist der Schlussteil der Briefe, der übrigens an den entsprechenden Absatz der Bittgesuche erinnert. Der Schreiber 1 In Friedenszeiten hat man auch Christen mit gleich herzlicher Ansprache ausgezeichnet. So nennt der alte Habil den viel jüngeren Molard seinen „Sohn", der Ofner Pascha Ali den alten Stephan Uleshäzy „tapferer Vater",

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