Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)

Einleitung: Die Entstehung des gemeinsamen Ministerrates und seine Tätigkeit während des Weltkrieges

Phraseologie grundlegend durch die dualistische Struktur Österreich-Ungarns deter­miniert wurde. Diese strukturelle Anschauung zeigte sich am ausdruckvollsten bei István Tisza. Schon gegen die Auslösung des Krieges war er, weil er befürchtete, ein militärischer Sieg der Monarchie könnte zur Annexion größerer serbischer Gebiete führen. Er hielt die Einverleibung größerer slawischer Gebiete für ver­früht, für eine unverdauliche Last, eine Gefahr für die innere Struktur der Mon­archie. 278 In erster Linie befürchtete er, daß das mit starker Hand gesicherte »Gleichgewicht« im ungarischen politischen Leben durch das Aufsaugen weiterer Nationalitäten gestört werden könnte. In Tiszas Anschauung war aber der Bestand des ungarischen Nationalstaates von der Großmachtstellung der Österreichisch­Ungarischen Monarchie in engstem abhängig (und dies war, in Anbetracht der damaligen völkisch-territorialen Konsistenz Ungarns realistisch gesehen). Ja er betonte darüber hinausgehend gerade in einer Debatte im gemeinsamen Minister­rat auch die umgekehrte These (und von seinem Gesichtspunkt hatte er auch darin recht): die Großmachtstellung der Monarchie ist vom in jeder Hinsicht unver­sehrten Bestehen des ungarischen Nationalstaates abhängig. 279 Die auf stark unterhöhltem gesellschaftlich-politischem Boden stehende Anschauung (Ungarn war ja ein Vielvölkerstaat), mußte fast notgedrungen zu irrealen, man könnte sagen illusionistischen Folgerungen führen. Selbst bei einem so kühl und nüchtern urteilenden Staatsmann, wie Tisza es war. Als es durch die Siege der Zentral­mächte möglich schien, die polnische Frage der »austropolnischen Lösung« zuzuführen, d.h. im wesentlichen das gesamte polnische Gebiet dem Habsburg­reich anzugliedern, wodurch Zisleithanien mächtige polnische Gebiete erhalten hätte, hat Tisza — bei Stürgkh großes Erstaunen auslösend — sofort den Anspruch Ungarns auf das bisher mit Österreich gemeinsam verwaltete Bosnien und Herzeg­owina und auf das von Österreich regierte, jedoch juridisch-formell zu den Ländern der Heiligen Ungarischen Krone gehörende Dalmatien angemeldet. 280 Später aber, als offensichtlich wurde, daß Deutschland an der Westfront nicht siegen werde und deshalb im Osten eine Entschädigung suchen müsse, und so die »austropolni­sche Lösung« der polnischen Frage unmöglich wurde, beantragte Tisza, Bosnien­Herzegowina samt kleineren, vom Königreich Serbien abzutretenden Gebieten Österreich zu übergeben und Ungarn aus dem damals zum großen Teil von den Mittelmächten okkupierten Rumänien zu entschädigen. 281 Die beiden Anträge Tiszas zeigen den skeletthaften, strukturellen Charakter seiner Anschauung. In beiden Fällen ließ er das realistische Element seiner politischen Auffassung außer acht, daß nämlich der geringste Zuwachs der Nationalitäten Ungarns das innere Gleichgewicht in höchstem Maße gefährde, nur darauf bedacht, inner­halb der dualistischen Staatsstruktur einen territorialen und zahlenmäßigen Zu­wachs Österreichs sogleich durch einen ähnlichen Zuwachs des Ungarischen Königreiches auszugleichen. Dies war politischer Illusionismus. Und in dieser Sphäre wurden im Weltkrieg auch die Debatten im gemeinsamen Ministerrat geführt. Eigentlich könnte man aus jedem Blatt der gemeinsamen Ministerratsprotokolle während des Weltkrieges aufzeigen, von welchen Illusionen die Debatten erfüllt waren, wie unfähig sich die Staatsmänner erwiesen, die Probleme zu lösen. Aus

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