Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)

Einleitung: Die Entstehung des gemeinsamen Ministerrates und seine Tätigkeit während des Weltkrieges

Die wirtschaftliche und politische Tragfähigkeit Österreich-Ungarns entsprach bei weitem nicht den zunehmenden Anforderungen des Krieges. Dieses Zurück­bleiben der Monarchie hinter dem stürmischen Tempo der Ereignisse zeigte sich in erster Linie in der Tätigkeit des höchsten Regierungsorgans, des gemeinsamen Ministerrates. Das Habsburgreich sah sich vor Aufgaben gestellt, die es allein nicht mehr bewältigen konnte. Wie der ungarische Finanzminister Teleszky eben bei Behandlung der Beziehungen zu Deutschland im gemeinsamen Ministerrat vom 3. Juli 1916 sagte, 231 war die Monarchie gezwungen, zuzulassen, daß sich eine auswärtige Macht in immer mehr Angelegenheiten einmischte, in Angelegen­heiten, über die auf höchster Ebene eigentlich die gemeinsame Ministerkonferenz zu entscheiden hatte. Die durch die Kriegstechnik diktierte Entwicklung ist dem gemeinsamen Ministerrat über den Kopf gewachsen. Auf dem Gebiete der Kriegsführung, von den Plänen des Generalstabs angefangen bis zu der im engsten Sinne des Wortes genommenen Kriegstechnik, die jeder kriegführende Staat, wenn er mit den Ereignissen Schritt halten wollte, fast von Stunde zu Stunde vervollkommnen mußte, wurde das Wirtschaftsleben der Doppelmonarchie überfordert. Diese Überforderung zeigte sich durch zahllose Transmissionen letz­ten Endes auch in der Amtsführung des gemeinsamen Ministerrates. Daß die Aufgaben, die der gemeinsame Ministerrat zu lösen hatte, über seine Möglich­keiten hinausging, daß die Dimensionen viel größer waren als der Rahmen, innerhalb dessen die Monarchie diese Aufgaben selbst hätte lösen können, wurde von den Mitgliedern des höchsten Regierungsorgans des Habsburgreiches nur ungern zugegeben. Innerhalb ihres Wirkungsbereichs fanden siekeine realen Lösun­gen, weshalb sie von den Realitäten in Scheinlösungen flüchteten. Im gemeinsamen Ministerrat vom 6. Mai 1917, also zu einer Zeit, als alle führen­den Männer der Österreichisch-Ungarischen Monarchie bereits sahen, daß die Abhängigkeit des Habsburgreiches von Deutschland bereits auf Kosten der Unabhängigkeit der Monarchie ging — wie dies aus mehreren zitierten Erklärun­gen ersichtlich ist —, erklärte nun der gemeinsame Minister des Äußern, Czernin, über die Annäherung zu Deutschland, der besonders in England entstandene Eindruck, »als ob die Annäherung auf Kosten der Selbständigkeit Österreich­Ungarns geschehe«, sei falsch. 232 Gegen diesen Schein protestierte auch István Tisza: wie sehr die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland auch not­wendig sei — sagte er —, »so sei doch dem Auslande gegenüber der Anschein zu vermeiden, als ob Österreich-Ungarn sein wirtschaftliches Selbstbestimmungs­recht aufgegeben hätte«. Im Laufe der Debatte stellte er dann weiter die Auf­rechterhaltung des Scheins der Unabhängigkeit der Monarchie geradezu als positive Forderung hin, die auch Deutschland konkret von Nutzen sein werde: »Bei den Friedensverhandlungen und auch später werde Österreich-Ungarn um so mehr in der Lage sein, Deutschland gute Dienste zu leistende mehr das Ausland den Eindruck gewinne, daß die Monarchie selbständig vorgehe und nicht ins deutsche Schlepptau genommen worden sei.« 233 Es besteht kein Zweifel, daß der Kampf um den Schein, wenigstens um den äußeren Anschein der Unabhängigkeit in der Kriegsagonie der Österreichisch-Ungarischen Monarchie einen gewissen realen Inhalt hatte. Den, auf den Außenminister Czernin in seinen Worten bei der

Next

/
Oldalképek
Tartalom