Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)

Protokolle

richteten, habe die Stimmung in Bosnien verschlechtert und den Hass gegen uns nur gesteigert. Dort erzählt man sich allgemein im Volke, dass König Peter kommen und das Land befreien werde. Der Serbe ist nur der Gewalt zugänglich, ein diplomatischer Erfolg würde in Bosnien gar keinen Eindruck machen und wäre eher schädlich als etwas anderes. Der kgl. ung. Ministerpräsident bemerkt, er habe zwar die höchste Meinung von dem derzeitigen Landeschef als Militär: was die Zivilverwaltung anbelange, so könne man aber nicht leugnen, dass sie vollständig versagt habe und dass da eine Reform unbedingt durchgeführt werden müsste. Er wolle jetzt hier­auf nicht näher eingehen, zumal es auch nicht der Moment sei um grosse Verän­derungen vorzunehmen, er müsse nur feststellen, dass bei der Polizei die unbe­schreiblichsten Zustände herrschen müssen, um es möglich zu machen, dass 6 oder 7 der Polizei bekannte Gestalten sich am Tage des Attentates auf der Route des ermordeten Thronfolgers mit Bomben und Revolvern bewaffnet aufstellen könn­ten, ohne dass die Polizei einen einzigen beobachtete oder fortschaffte. Er sehe nicht ein, warum die Verhältnisse in Bosnien nicht durch eine gründliche Reform der Verwaltung wesentlich gebessert werden könnten. Der k.u.k. Kriegsminister ist der Ansicht dass ein diplomatischer Erfolg keinen Wert habe. Ein solcher Erfolg werde nur als Schwäche ausgelegt. Vom militärischen Standpunkte müsse er betonen, dass es günstiger wäre den Krieg sogleich, als zu einem späteren Zeitpunkte zu führen; da sich das Kräfte­verhältnis in der Zukunft unverhältnismässig zu unseren Ungunsten verschieben werde. Was die Modalitäten des Kriegsbeginnes betreffe, so müsse er hervorhe­ben, dass die beiden grossen Kriege der letzten Jahre, sowohl der russisch-japani­sche Krieg als auch der Balkankrieg, ohne vorherige Kriegserklärung begonnen worden seien. Er sei der Ansicht dass man vorerst nur die gegen Serbien vor­gesehene Mobilisierung durchführen und mit der allgemeinen Mobilisierung zuwarten sollte, bis erkennbar sei, ob Russland sich rühre oder nicht. Wir hätten schon zwei Gelegenheiten versäumt, um die serbische Frage zu lösen und jedesmal die Entscheidung hinausgeschoben. Wenn wir es jetzt wieder täten und auf diese neuerliche Provokation gar nicht reagierten, so würde dies in allen südslavischen Provinzen als Zeichen der Schwäche aufgefasst werden und wir würden eine Stärkung d n gegen uns gerichteten Agitation herbeiführen. In militärischer Hinsicht wäre es wünschenswert, wenn die Mobilisierung sofort und möglichst heimlich durchgeführt würde und eine Sommation an Serbien erst nach vollendeter Mobilisierung gerichtet werden könnte. Dies wäre auch wegen der russischen Streitkräfte günstig, da die russischen Grenzkorps wegen der Ernte­urlaube gerade jetzt nicht die vollen Stände haben. Es entspinnt sich hierauf eine Diskussion über die Ziele einer kriegerischen Aktion gegen Serbien, wobei der Standpunkt des kgl. ungar. Ministerpräsidenten, dass Serbien zwar verkleinert, mit Rücksicht auf Russland aber nicht ganz ver­nichtet werden dürfe, angenommen wird. Der k.k. Ministerpräsident betont, dass es sich auch empfehlen dürfte, die Dynastie Karageorgevich zu ent­fernen und einem europäischen Fürsten die Krone zu geben sowie ein gewisses

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