Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)

Protokolle

systematisch von Belgrad aus betriebene grossserbische Propaganda aufgeworfenen Frage, deren zersetzende Wirkung bei uns bis nach Agram und Zara gespürt werde, sei wohl nur durch ein energisches Eingreifen möglich. Bezüglich der vom königl. ungar. Ministerpräsidenten erwähnten Gefahr einer feindseligen Haltung Rumäniens bemerkt der Vorsitzende, dass derzeit eine solche weniger zu befürchten sei als für die Zukunft, wo sich die rumänisch — serbische Interessengemeinschaft immer mehr herausbilden werde. König Carol habe allerdings gelegentlich Zweifel in der Richtung ausgesprochen, gegebenenfalls seiner Bundespflicht gegenüber der Monarchie durch aktive Hilfeleistung nach­kommen zu können. Dagegen sei es kaum anzunehmen, dass er sich zu einer kriegerischen Operation gegen die Monarchie hinreissen lassen, beziehungsweise einer darauf hinausgehenden Stimmung der öffentlichen Meinung nicht Wider­stand leisten könnte. Übrigens komme auch die Furcht Rumäniens vor Bulgarien in Betracht, welche ersteres in seiner Bewegungsfreiheit selbst unter den heutigen Verhältnissen einigermassen behindern müsste. Was die Bemerkung des ungar. Ministerpräsidenten bezüglich des Kräftever­hältnisses zwischen Frankreich und Deutschland anbelange, so glaube er darauf hinweisen zu sollen, dass der verminderten Bevölkerungszunahme Frankreichs, die in ungleich höherem Verhältnisse gesteigerte Bevölkerungszunahme Russlands gegenüberstehe, so dass die Behauptung, dass Deutschland in der Zukunft immer mehr disponible Truppen gegen Frankreich haben werde, wohl nicht stichhältig erscheine. Der k.k. Ministerpräsident bemerkt, der heutige Ministerrat sei eigentlich zu dem Zwecke einberufen worden, um über die in Bosnien und der Herzegowina zu ergreifenden inneren Massregeln zu beraten, die geeignet wären, einerseits die jetzige Untersuchung wegen des Attentates erfolgreich zu gestalten und anderseits der grosserbischen Bewegung in Bosnien entgegenzuwirken. Nun müssten diese Fragen neben der Hauptfrage zurücktreten, ob wir die innere Krise in Bosnien durch eine Kraftäusserung gegen Serbien lösen sollen. Diese Hauptfrage sei durch zwei Momente gerade jetzt aktuell geworden: erstens, weil der Landeschef für Bosnien und Herzegowina auf Grund seiner Kenntnis der bosnischen Verhältnisse von der Voraussetzung ausgehe, dass kei­ne Massregeln im Inneren einen Erfolg haben könnten, wenn wir uns nicht ent­schliessen, nach aussen einen kräftigen Schlag gegen Serbien zu führen. Auf Grund dieser Wahrnehmungen des Generals Potiorek müsse man sich die Frage stellen, ob die von Serbien ausgehende schismatische Tätigkeit aufgehalten werden könnte und ob wir die beiden Provinzen überhaupt halten könnten, wenn wir nicht gegen das Königreich vorgehen. In den letzten Tagen habe die ganze Situation ein anderes Gesicht bekommen und sei jetzt eine psychologische Situation geschaffen, die seiner Ansicht nach unbedingt zu einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Serbien hindränge. Er stimme mit dem königl. ungar. Ministerpräsidenten zwar darin überein, dass wir und nicht die deutsche Regierung beurteilen müssten, ob ein Krieg notwendig sei c) Sic! Richtig: Rußland.

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