Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)

Einleitung: Die Entstehung des gemeinsamen Ministerrates und seine Tätigkeit während des Weltkrieges

deutschen Politikern verhandelt. Über seine Besprechungen hat er in der gemein­samen Ministerkonferenz vom 3. Februar 1915 berichtet, als er in seinem Exposé die Grundsätze seiner Außenpolitik darlegte. Laut Ministerratsprotokoll sprach er über die sich auf diesem Gebiete türmenden Schwierigkeiten, reproduzierte seine Argumentation, mit der es ihm — angeblich — gelungen war, die Deutschen für den österreichischen Standpunkt zu gewinnen. Kaiser Wilhelm und seine Regierung haben, wie der im Protokoll verewigte Bericht Buriäns besagt, davon Abstand genommen, die territorialen Forderungen Italiens zu unterstützen. Das Protokoll des Ministerrats vom 3. Februar 1915 betrachtend, müssen wir die diplomatische Mission Buriáns im deutschen Hauptquartier, vom Gesichtspunkt der italienischen Frage, als erfolgreich betrachten. Demgegenüber stellt er in seinen Memoiren, als er über seine Verhandlungen in Mézières-Charleville ausführlich spricht und deren Ergebnis zusammenfaßt, unmißverständlich fest : »Wir konnten einander damals nicht überzeugen.« Einst­weilen sei nur so viel festgestellt, daß über ein und dasselbe Ereignis zwei Quellen einander diametral entgegengesetzt berichten. Den trockenen, langatmigen Memoiren Buriáns gegenüber sind in den fast belletristischen, mit gut exponierten Bildern, lebensgetreuen Charakteristiken, farbigen Momentaufnahmen durchwobenen, manchmal von staatsmännischem Weitblick zeugenden Memoiren Czernins 323 vielleicht die Teile am interessantesten, lehrreichsten und zum Vergleich mit den entsprechenden Stellen der Protokolle des gemeinsamen Ministerrates am besten geeignet, die sich mit den Friedensver­handlungen in Brest-Litowsk befassen. Auch in diesem Falle könnten seitenweise parallele Texte aus den Memoiren und den Ministerratsprotokollen zitiert werden. Diese Details bezeugen eindeutig, daß Czernins Darstellungen in seinen Memoiren mit den Ministerratsprotokollen mehr Kongruenz aufweisen, manchmal mit den­selben Wort für Wort übereinstimmen ; als Grund hierfür sei hier einstweilen nur angeführt: vielleicht, weil er der Abfassung der Protokolle zeitlich näher stand als Burián. Als Quelle seiner Memoiren erwähnt der ehemalige Minister des Äußern unter anderem sein Tagebuch. 324 Dieses Tagebuch kenne ich leider nicht und so kann ich nicht feststellen, woher die wortwörtlichen Übereinstimmungen hergeleitet werden können. Entweder hat Czernin in sein Tagebuch z. B. den Text seines Berichts im gemeinsamen Ministerrat vom 22. Januar 1918, zumindest die wesentlichsten Teile, wenn auch nur skizzenhaft aufgezeichnet, oder er hat die Ministerratsprotokolle im Original benutzt. Meiner Meinung nach ist letzteres wahrscheinlicher. Doch selbst diesen Unsicherheitsfaktor in Rechnung gestellt, ist es nicht uninteressant, die Texte zu vergleichen. Der Teil der Memoiren, in welchem der Hergang der gemeinsamen Minister­konferenz vom 22. Januar 1918 geschildert wird, verweist nur im allgemeinen auf die Schwierigkeiten, die sich bei der Zusammenarbeit mit den Deutschen im Laufe der Friedensverhandlungen mit den Bolschewiken gezeigt haben und mit deren Schilderung Czernin sein Exposé begann. Ebenso summarisch befaßt er sich mit der Stellungnahme des ungarischen Ministerpräsidenten Wekerle, während die Worte des österreichischen Ministerpräsidenten Seidler auffallend ausführlich wiedergegeben werden. Daß diese Eigenart der Memoiren nicht darauf zurück-

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