Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)
Einleitung: Die Entstehung des gemeinsamen Ministerrates und seine Tätigkeit während des Weltkrieges
nach kurzer Debatte wurde entschieden, oder: nach längerer Debatte kam der Ministerrat überein, oder: vom Vorsitzenden (vom Monarchen oder vom Minister des Äußern usw.) aufgefordert, gab der Kriegsminister, eventuell der Chef des Generalstabs den Mitgliedern der Konferenz vertrauliche Informationen usw. usw. Nicht selten kommt in den Protokollen auch die Bemerkung vor, daß diese Informationen, da sie vertraulichen Charakter hatten, vom Schriftführer in das Protokoll nicht aufgenommen werden durften. Daten ähnlichen Charakters könnten aus den Protokollen aus den vier Kriegsjahren nach Belieben zitiert werden. Danach muß vom Gesichtspunkt des Quellenwertes der Protokolle des gemeinsamen Ministerrates leider die Folgerung gezogen werden, daß in den Protokollen zahlreiche Daten, Tatsachen, die in der Geschichte der Monarchie, ja des im Kriege stehenden Europa entscheidende Bedeutung hatten, und über die im gemeinsamen Ministerrat verhandelt wurde, nicht festgehalten wurden. Wurde nun in den Protokollen in jedem einzelnen Falle angedeutet, daß auf der Konferenz Dinge behandelt wurden, über die im Protokoll meritorisch nicht gesprochen wird? Mit großer Wahrscheinlichkeit kann angenommen werden, daß wenn auch nicht in jedem Falle, so doch in jedem bedeutenderen Falle, eine Spur dieser Tatsache aufzufinden ist. So können die Protokolle als negative Quelle benutzt werden. So viel kann ihnen zumindest entnommen werden, daß die erhalten gebliebenen Protokolltexte nicht das ganze Material der Debatten im gemeinsamen Ministerrat enthalten. Danach erhebt sich nun die Frage: Wurde in jenen Teilen der Protokolle, die die Debatten des gemeinsamen Ministerrates auch meritorisch festhielten, die abgegebenen Erklärungen wortgetreu oder nur gedanklich, inhaltlich getreu wiedergegeben ? Man kann fast als sicher annehmen, daß die Debatten des gemeinsamen Ministerrates während des Weltkrieges mitstenographiert wurden. 315 Eine Spur dieser stenographischen Aufzeichnungen konnte ich im Wiener Staatsarchiv leider nicht finden. So viel kann aus dem Studium der Konzepte der Ministerratsprotokolle zweifellos festgestellt werden, daß diese Konzepte aus der Feder der Schriftführer stammen. Die äußere Form der Konzepte, die darin erfolgten Korrekturen (vor allem jene, die vom Schriftführer selbst stammen) sowie die Tatsache, daß einige Konzepte zum großen Teil, manche sogar gänzlich in Maschinenschrift vorliegen, bezeugen, daß diese Konzepte keinesfalls unmittelbar während der Ministerratssitzungen angefertigt wurden. Sie sind sekundäre, eventuell tertiäre Produkte der Sitzungen des gemeinsamen Ministerrates. Am Konzept haben vor der Reinschrift auch die Außenminister Änderungen vorgenommen. Diese vom Minister des Äußern vorgenommenen Verbesserungen beschränkten sich manchmal auf Worte, manchmal entstanden dadurch jedoch ganz neue Absätze oder es wurden bereits bestehende Teile neu abgefaßt. Die Konzepte der Sitzungsprotokolle des gemeinsamen Ministerrats aus der Zeit des Weltkrieges können daher keineswegs als wortgetreue Wiedergabe der in den Sitzungen erfolgten Erklärungen betrachtet werden. Notgedrungen folgt daraus freilich auch, daß die Reinschriften dieser Konzepte noch weniger ein getreues Spiegelbild der oft stürmischen Debatteninden gemeinsamen Ministerkonferenzen sind. (Bevor wir in unseren Folgerun-