Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)

Einleitung: Die Entstehung des gemeinsamen Ministerrates und seine Tätigkeit während des Weltkrieges

Sicherung der Bedingungen des Existenzminimums zusammengeschrumpft. Das höchste Regierungsorgan der einstigen Großmacht befaßte sich mit wirtschaftli­chen Fragen, die in normalen Zeiten allenfalls auf der Ebene kleiner Verwaltungs­behörden auftauchen konnten. Der politische und administrative Rahmen Österreich-Ungarns war noch unangetastet, als diese einst so mächtige wirtschaftliche Einheit in ihre Bestand­teile zu zerfallen begann. Im Ministerrat vom 29. Juni 1917 stellte Außenminister Czernin, wie in dem vom 24. September Generalmajor Landwehr, der Vorsitzende des gemeinsamen Ernährungsausschusses der Monarchie fest, daß sich nun­mehr nicht nur die einzelnen Länder und Provinzen bzw. Komitate, sondern auch schon Bezirke einander gegenüber starr abschließen, die Monarchie durch Ausfuhrverbote in winzige Wirtschaftseinheiten aufspalten. 284 Die Behandlung der wirklichen Probleme Österreich-Ungarns auf höchster Ebene war einfach unmöglich geworden. Versuche zu einer realen Lösung der Probleme hätten den sofortigen Zerfall der durch den Ausgleich geschaffenen Staatskonstruktion nach sich gezogen. Die in erster Reihe zur Lösung der Probleme berufen waren, die höchsten Ratgeber der Krone, flüchteten vor der Wirklichkeit in selbsttäuschende Formeln. Die klassische Form für den Illusionismus der dualistischen Politiker fand vielleicht Tisza, der im Kronrat vom 22. März 1917 in einer längeren Rede versicherte, es bestehe kein Grund zum Verzagen: »Wir haben gesiegt!« Den Feinden der Österreichisch-Ungarischen Monarchie sei es nicht gelungen, ihr Kriegsziel, die Zerschlagung der Monarchie zu erreichen, und dies sei gleichbedeutend mit dem Siege. 285 Der alte Wekerle, gleichsam das Symbol der zur Anpassung an die neue Lage nunmehr unfähigen Monarchie, hatte einige Tage vor dem Zerfall des vielhundert­jährigen Habsburgreiches das einzige Mittel zur Verhinderung des sich in un­zähligen, nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch politischen Symptomen zeigen­den Auflösungsprozesses im starren Festhalten am Dualismus (wie Tisza) gesehen. Im gemeinsamen Ministerrat vom 27. September 1918, wo über die durch die bulgarische Kapitulation entstandene Lage beraten wurde, warnten sowohl er als auch Burián vor politischen »Neuerungen«. Oberstes Prinzip müsse — erklärte Burián — der Dualismus bleiben. 286 Als bereits alles verloren war, glaubten selbst jene, die das Groteske in der Anschauung Wekerles klar erkannten, entweder (wie der österreichische Minister­präsident Hussarek), es sei wirklich am Platze, sich an die dualistische Konstruk­tion der Monarchie zu klammern, man sollte nur nicht zu viel darüber sprechen, oder sie meinten (wie der am weitesten gehende gemeinsame Finanzminister Spitzmüller), durch einfache strukturelle Änderung, durch Einführung des Trialis­mus an Stelle des Dualismus den Zusammenbruch der Monarchie verhindern zu können. 287 Auf der letzten Sitzung des gemeinsamen Ministerrates, am 22. Oktober 1918 288 hat Wekerle gleichsam als komprimierte Äußerung der strukturellen, illusionisti­schen Anschauung der dualistischen Politiker erklärt, wenn überhaupt über eine Vereinigung der Südslawen gesprochen werden könne, so nur unter der Krone des Heiligen Stephan. 289 Die eigenartige, dualismus-zentrische Anschauung

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