Mitteilungen des K. K. Archivrates 3.
Otto H. Stowasser: Das Archiv der Herzoge von Österreich. Eine Studie zur Überlieferungsgeschichte der habsburgischen Urkunden
32 Otto H. Stowasser. Grunde. Das 16. Jahrhundert brachte, was ich schon vorhin angedeutet habe, eine Wandlung der Verwaltungstechnik mit sich, die man mit dem Schlagworte bezeichnen kann, daß nun an Stelle der Urkunden die Akten traten. Im allgemeinen, d. h. durch den täglichen Ein- und Auslauf, wuchs der vorhandene Vorrat an Urkunden nicht mehr im gleichen Maße an, sondern das alte (mittelalterliche) landesfürstliche Urkundenarchiv lag als etwas Fertiges und Abgeschlossenes vor. Ich verkenne nicht, daß wie solche verwaltungstechnische auch politische Gründe'dabei mitspielten; die Tatsache, daß die beiden Archive, wie sie Putsch in Wien und in Innsbruck einrichtete, doch nur mehr ein abgeschlossenes Hilfsmittel für die Eegierungen waren und die Archive, die nun aus der Eegierungstätigkeit erstanden, zum Teile doch ganz anders geartet waren, bleibt bestehen und verleiht den Arbeiten von Putsch von unserem Standpunkte einen erhöhten, weil in gewissem Sinne eben auch abschließenden Wert. Freilich -— das will ich hier einschalten, ehe ich mich nun der näheren Erläuterung der Arbeiteg von Putsch zuwende —, was er in mühsamer Arbeit schuf, sollte nicht von Dauer sein. Das Doppelzentralarchiv in Wien und in Innsbruck hat nur siebzehn Jahre bestanden. 1547, wir werden das unten beweisen, war die ganze Arbeit abgeschlossen und 1564 wurde das Wiener Archiv wieder auseinandergerissen, als nach Ferdinands I. Tode die Eegierungen seiner drei Söhne sich die Hilfsmittel der Verwaltung sicherten. Zwar blieb das Innsbrucker Archiv damals im großen ganzen wohl unbehelligt, das neue Grazer Archiv aber wurde auf Grund der Arbeiten des alten Putsch aus dem Wiener Archive ausgeschieden, so daß das alte Staatsarchiv der Herzoge von Österreich nun wieder dreigeteilt in Wien, Graz und Innsbruck, zerrissen lag. So blieb es dann im wesentlichen bis zur Gründung des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, mit der ein neues Wandern und dann wieder Zurückfluten der ehrwürdigen Zeugen unserer mittelalterlichen Geschichte einsetzt. Dieses letzte Ab und Zu, das da vor sich ging, können wir natürlich bis ins einzelne aktenmäßig verfolgen, wobei wir freilich zu der traurigen Erkenntnis gelangen würden, daß das 18. und 19. Jahrhundert seinen Vorgängern billigerweise nichts vorzuwerfen hatte; man ging im einzelnen oft nicht minder unkritisch und unsystematisch vor und das alte Schatzarchiv war in seiner Gesamtheit niemals in besserer und treuerer Hut als unter dem alten Putsch, dem wir allein es verdanken, wenn wir in das Wirrsal, das zufolge der kurz geschilderten Entwicklung das Archiv der Herzoge von Österreich betraf, wenigstens auf dem Papier eine Ordnung bringen können. Eine tatsächliche Eekonstruktion wäre — von allen Schwierigkeiten der praktischen Durchführung, die gleich da und dort auftauchen würden, abgesehen — überdies auch aus wissen-