Mitteilungen des K. K. Archivrates 3.

Otto H. Stowasser: Das Archiv der Herzoge von Österreich. Eine Studie zur Überlieferungsgeschichte der habsburgischen Urkunden

28 Otto H. Stowasser. offen stehen. Sie Hegen in Wien, Graz und Innsbruck zerstreut, wie ehe­dem nach territorialen Gesichtspunkten abgesondert, und es wäre nicht ganz ohne Interesse, sehen zu können, ob das Mittelalter oder wir klein­licher oder glücklicher bei einer so unorganischen Aufteilung vorgingen. Wir betrachten heute ein solches Hiu- und Hersch'ieben von Archivalien ja mit wenig günstigen Augen, wenn es sich nicht um die Heimholung eines offenbar entfremdeten Teiles eines Archivkörpers handelt. Die Auf­teilung des alten Staatsarchivs der Herzoge von Österreich, zumal des vor 1379, respektive 1411 angewachsenen Bestandes, war aber damals, wie im 19. Jahrhundert, noch eine gegenteilige Handlung, die einen Archivkörper einheitlicher Provenienz auseinanderriß. Und so entsteht die Frage, ob es möglich ist, für das alte Schatzarchiv die Wissenschaft der Vorteile des Provenienzprinzips in der archivalischen Aufbewahrung theoretisch irgendwie teilhaftig zu machen, da nun einmal die tatsäch­liche Entwicklung so ganz andere Wege ging, die Vorteile eines ein­heitlichen und in seinem Aufbau erkennbaren Arehivkörpers aber einer Erörterung nicht bedürfen. Das werden unsere weiteren Darlegungen von selbst beantworten. Ich habe schon oben darauf hingewiesen, daß die vielteilige Zer­splitterung des archivalischen Stoffes, wie sie um die Mitte des 15. Jahr­hunderts sich herausgebildet hatte, den praktischen Bedürfnissen jener Zeit zuwiderlief und daraus erklärt es sich, daß wir in der Folge nun mehrfachen Versuchen begegnen, diesem Zustande ein Ende und eine Besserung zu schaffen. Unter Friedrich V. (III.) geschah freilich nichts, wie das dem ganzen Charakter seiner Kegierung entspricht. Als aber zu Lebzeiten des alten Kaisers noch Tirol an seinen Sohn Maximilian ge­kommen war und Friedrich selbst 1193 aus dem Leben schied, da trat der merkwürdige Fall ein, daß Maximilians wieder einheitlich gewor­denes Landesfürstentum über kein Gesamtarchiv verfügte, sondern dies Büstzeug der Verwaltung über die weiten habsburgischen Länder hin in den Vorlanden, in Wien, Graz, Innsbruck und Wiener-Neustadt verteilt lag. Die Folge war natürlich, daß Maximilians Kegierung sich oft genug genötigt sah, erst da und dort einen Kat einzuholen. Diese Verhältnisse drängten gebieterisch zu einer Änderung. Tatsächlich hat denn auch Maximilian versucht, eine Ordnung zu schaffen. Diese Bestrebungen hängen auf das engste mit den allgemeinen Versuchen einer Behördenorganisation zusammen und sind auch in dem noch immer grundlegenden Werke Adlers über diesen Gegenstand be­handelt worden, wie auch die gesamte, freilich nicht sehr zahlreiche Literatur über die verschiedenen Archive, deren eigene Geschichte an diesen Vorgängen teilhat, sie berührt, ja meist von ihnen den Ausgang genommen hat.

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