Mitteilungen des K. K. Archivrates 1. (Wien, 1914)

Literatur und Notizen

Notizen. 313 dem Stande des Quellenmaterials oft wenig Rechnung tragenden Stellung des Themas ergeben. Nicht mit Unrecht wurde von der Gegenseite hervorgehoben, daß auch die vorgesehlagene stetige Verbindung zwischen akademischen Lehrern und Archivvorständen als Auskunftsmittel nicht ausreichend sein werde, da eben die berührten Übelstände viel tiefer lägen und in der Über­füllung der Hochschulen mit zum großen Teil für das Studium ungeeigneten Hörern begründet seien. Mit Genugtuung kann man hinzufügen, daß in diesem Punkte in Österreich die Verhältnisse günstiger liegen, indem bei uns ein Druckzwang für die Dissertationen nicht besteht und die vertiefte Pflege der historischen Hilfswissenschaften an unseren Universitäten einen guten Einfluß ausübt. Der übermäßige Andrang zu den Hochschulen — vor allem eine Folge der »Reform« der Mittelschulen — hat jedoch schon ähnliche Folgeerscheinungen wie im Deutschen Reiche gezeitigt, und daher war die Erörterung dieses Themas auch für die österreichischen Archivbeamten sehr lehrreich. Im allgemeinen wird die Behandlung eines Themas über das Archiv­wesen jener Provinz, in welcher der Archivtag stattfindet, bei den Zuhörern Interesse finden. Dies gilt von dem Vortrag des Archivars Zivier (Pleß) über Oberschlesische Archive und Archivalien, der überdies die nachfolgende Aussprache über den Schutz nicht fachmännisch verwalteter Archive auslöste und so eine der wichtigsten Fragen des provinzialen Archivwesens streifte. Die Besprechung des Fürstlich Schwarzburgischen Archivs in Rudol­stadt durch Archivrat Bangert, mit der die Tagung eröffnet wurde, war doch wohl zu eng begrenzt und zu weit hergeholt, als daß sie allgemeine Aufmerksamkeit hätte erwecken können. Für den im Jahre 1915 stattfinden­den internationalen Kongreß der Archivare und Bibliothekare, der in Mailand tagen wird, wurden die Archivräte Bailleu und Grotefend als Vertreter in den vorbereitenden Ausschuß gewählt. Der Nachmittag war in erster Linie der Besichtigung des Staats­archivs gewidmet. Der Vorsitzende des Archivtages, Archivrat Mein ardus, hielt im geräumigen Benützersaal einen einleitenden Vortrag über das von ihm geleitete Institut, an welchen sich die Besichtigung der Räumlichkeiten anschloß. Die wichtigsten Stüeke des Archivs wurden in einer Ausstellung gezeigt, an der sich auch das bischöfliche Diözesanarchiv und das Stadtarchiv beteiligten. Nach Beendigung des Rundganges führte Apo­theker Sauter (Schorndorf in Württemberg) das von ihm erfundene Ver­fahren für Rückfärbung erloschener Sehriftzüge vor und zeigte den von ihm in der »Süddeutschen Apotheker-Zeitung«, Jahrgang 1913, Nr. 32, und vom Archivdirektor Sehneiderim »Korrespondenzblatt« 61, S. 164f. besprochenen Prozeß an praktischen Beispielen. Im Diözesanarchiv verdient als besondere Sehenswürdigkeit der kunstvolle Archivschrank aus dem Jahre 1455 hervor­gehoben zu werden. Von den Verhandlungen des Gesamtvereines der deutschen Ge- schichts- und Altertumsvereine kamen für die Teilnehmer des Archiv­tages vor allem die Vorträge von Archivar Löwe (Breslau) über Archive und Bibliotheken und von Professor Rehme (Halle a. S.)' über die Stadtbücher in Betracht. Gerade der Unterschied in der Auffassung über den Inhalt der Archive und Bibliotheken, indem in Deutschland in ersteren vorwiegend handschriftliche und in letzteren gedruckte Materialien verwahrt werden, während Frankreich und England eine so scharfe Scheidung nicht

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