Mitteilungen des K. K. Archivrates 1. (Wien, 1914)
Rundschreiben an sämtliche Herren Konservatoren des k. k. Archivrates vom 20. Mai 1914, Z. 273.
Rundschreiben. 295 Die Art der anzuratenden Maßnahmen wird sich nach den jeweiligen Umständen sachlicher und persönlicher Natur zu richten haben. Das Hauptgewicht wird darauf zu legen sein, daß diese Arehivalien in gesichertem und geordnetem Zustande verwahrt werden. Unterziehen sich die Genossenschaften selbst dieser Aufgabe, so wäre vor allem auf die Anlage eines Inventars hinzuwirken, da durch den Bestand eines solchen die Archivalien am sichersten vor Verlusten geschützt sind, ein etwaiger Abgang sicher und zur rechten Zeit konstatiert, eine eingerissene Unordnung leicht beseitigt werden kann. Aus diesen Gründen haben auch einige politische Landesstellen die Herstellung von Inventaren angeordnet. Kann oder will jedoch die Genossenschaft ihren Archivbeständen nicht die nötige Pflege angedeihen lassen, so wäre deren depotweise Abgabe an eine andere geeignete Stelle anzustreben. Als solche kämen in erster Linie gut verwahrte und verwaltete Stadt- und Gemeindearchive in Betracht, in Ermanglung solcher kommunale oder unter vertrauenswürdiger privater (Vereins-) Leitung stehende Ortsmuseen, eventuell auch Bibliotheken; bei Fehlen solcher lokaler Anstalten wäre die Abgabe an Landesarchive oder provinziale staatliche Archive, wo solche bestehen, anzuraten, besonders dann, wenn das betreffende Gewerbe einen wichtigen und charakteristischen Faktor der Landeskultur darstellt. Die Durchführung der angedeuteten Maßnahmen wollen Euere Hochwohlgeboren einerseits durch direkte aufklärende und beratende Einwirkung auf die archivbesitzenden Genossenschaften und durch Propagierung der Gedanken des Archivalienschutzes in den in Betracht kommenden Kreisen anstreben. Ein nicht zu unterschätzendes Mittel hiezu werden auch Zeitschriften bilden, welche die Ortsgeschichte und Heimatkunde pflegen. Anderseits werden Euere Hochwohlgeboren eingeladen, jede von amtlicher Seite (politische Bezirksbehörden, Handels- und Gewerbekammern usw.) ausgehende und den Schutz dieser Archivalien bezweckende Initiative tunlichst zu unterstützen und insbesondere Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten mit ßat und Tat zu fördern. Euere Hochwohlgeboren werden eingeladen, über die in der Sache gemachten Beobachtungen, die unternommenen Schritte und deren Ergebnis längstens bis Mai 1915 anher zu berichten. Zur Mitwirkung an den Aufgaben des Schutzes der Zunftarchivalien wollen Euere Hochwohlgeboren, soweit dies dienlich erscheint, die im Amtsgebiete Euerer Hoehwohlgeboren wohnhaften Korrespondenten, deren Verzeichnis angeschlossen ist, heranziehen.