Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 6. (Dritte Folge, 1909)
Briefe des Feldzeugmeisters Paul Freiherrn Kray de Krajova et Topolya an seinen Bruder Alexander von Kray. Mitgeteilt und zu einer Lebensschilderung erweitert von Hauptmann Dr. Just - I. Abschnitt. Erziehung und militärische Laufbahn Krays bis zu seiner Anstellung in den Niederlanden 1793
Briefe des FZM. Paul Freiherrn Kray de Krajova. 55 die Türken ganz anders, als wir sie vermuteten und mir scheint, daß sie manchen noch fürchterlicher Vorkommen, als sie es wirklich sind, wodurch viele irregehen und dem Operationsplan: Nachteil bringen. In allen Kriegen geht gemeiniglich die erste Kampagne so wunderlich, bis der Feldherr seine Untergebenen und die feindlichen Maximen genauer kennen lernt. Du wirst sehen, daß große Veränderungen in der Armee bevorstehen. Seit zehn Tagen hat mich das Fieber verlassen, jedoch bin ich so entkräftet, daß ich noch kaum kriechen kann, welches mich in die Seele schmerzet, nicht so wie ich wünschte, dienen zu können. Glaube mir, mancher Echeque wäre vielleicht hiergegends unterblieben, wenn ich anwesend und gesund gewesen wäre, denn Entschlossenheit und Lokalkenntnis redressieren oft vieles. Ich höre, daß Se. Majestät selbst meine Krankheit unlieb vernommen und gesagt haben soll: ,,Ich mache noch Rechnung auf Obrist Kray.” Grüße alle guten Freunde etc. Paul Kray. Hátszeg, 14. November 1788. Liebster Bruder! Dein Brief aus Temesvár vom 20. Oktober ist lang herumgeirrt, bis er mir vor fünf Tagen hier zu Hátszeg überkommen ist. Jetzt weiß ich, warum Du meinen letzten Brief, so ich nach Lugos schrieb, nicht er- erhalten hast. Darinnen habe ich Dir meine seit 20. Juli anhaltende Krankheit mit dem Beisatz eröffnet, daß ich erst nach der den 11. August aus Porceni erfolgten Retraite mich am 13. eiusdem, wo ich so elend wurde, zurück nach Hátszeg tansportieren lassen mußte, folglich weder an der üblen Affäre vom 15. August, noch an den ferneren traurigen Folgen den mindesten Anteil hatte. Ich habe alles vorausgesagt und schriftlich wider die Retraite von Porceni mich geäußert, allein der Neid und andere Intrigen überwältigten es. Nun erkennt man zu spät, daß ich als Soldat und Ehrenmann gehandelt habe. Der Befehl soll von Sr. Majestät gewesen sein, gar nichts ohne meine Genehmigung und Anraten zu unternehmen.