Mitteilungen des k.u.k. Kriegs-Archivs 6. (Dritte Folge, 1909)
Major Czeike: Die Cernierung und Erstürmung Wiens im Oktober 1848
Cernierung und Erstürmung Wiens 1848. 343 Die Bewohner der Vorstädte Landstraße, Erdberg und Weißgärber gehörten zu den Bestgesinnten, daher eine Teilnahme an dem Kampf von ihnen nicht so leicht zu erwarten stand. Beim Vordringen in den genannten Vorstädten waren die Flanken der angreifenden Truppen auf der einen Seite durch den AViener-Neustädter Kanal, auf der anderen durch den Donaukanal vollkommen gesichert. Sie konnten sich überdies, mittels der Sophien- und Franzensbrücke, leicht mit den Truppen in der Leopoldstadt in Verbindung setzen, endlich nach erfolgter Unterwerfung der ihnen als Angriffsobj ekte bestimmten Vorstädte eine Stellung im nächsten Bereich der Inneren Stadt gewinnen, in der sie durch den Wienfluß und die Besetzung der zunächst gelegenen, sehr festen Gebäude vollkommen geschützt waren. Am 28. Oktober um V2IO Uhr vormittags befand sich der Feldmarschall mit seinem Hauptquartier auf dem AViener- berg bei der „Spinnerin am Kreuz”, welcher Punkt eine gute Aussicht auf den größten Teil des Gefechtsfeldes gewährte, und um V2II Uhr vormittags begann das Geschützfeuer bei der Mariahilfer und Lerchenfelder Linie, das nun in entsprechenden Intervallen von den Cernierungstruppen um die Stadt herum abgenommen wurde1). Die Scheinangriffe an den Linienwällen längs der westlichen und südlichen Cernierungslinie fingen bei der großen Kampflust der kaiserlichen Truppen bald an, eine ernstere Wendung zu nehmen und nur mit Mühe verhinderten die strengen Befehle des Feldmarschalls, daß sich diese Truppen nicht in zeitraubende und blutige Straßenkämpfe einließen. Von Nußdorf bis Gumpendorf hatten die Brigaden Parrot, Simbschen, Chizzola und Schütte, wenn aitch nicht ohne Verluste, in kurzer Zeit Vorteile errungen, sich nahe an den Linien festgesetzt und durch in der Eile errichtete Erdaufwürfe und Barrikaden für weitere Offensivunternehmungen ') Nach der Angriffsdisposition sollte die Kanonade Schlag 10 Uhr beginnen, sie verzögerte sich jedoch aus unbekannten Gründen bis Vsll Uhr vormittags. (K. A., F. A. 1848, Cernierung Wiens, XIII, 33.)